Nachruf

Beat Gloor ist tot: Der Autor des «staat sex amen» war ein Sprachbergwerker der besonderen Art

Beat Gloor im Jahr 2014 in den Zürcher Räumlichkeiten seiner Sprachagentur text control.

Beat Gloor im Jahr 2014 in den Zürcher Räumlichkeiten seiner Sprachagentur text control.

Mit gerade mal sechzig Jahren hat der lange Jahre in Klingnau wohnhafte Beat Gloor seinem Leben ein Ende gesetzt. Der Autor der legendären Kolumnensammlung «staat sex amen« war ein inspirierter und inspirierender Wortschöpfer.

«Ich schaue den Wörtern auf die Buchstaben», soll er einmal gesagt haben. Und das tat er zu Lebzeiten mit einer Akribie, die ihresgleichen suchte. Beat Gloor war ein Tüftler, ein Avantgardist, ein Sprachbergwerker. Mit seinem Möglichkeitssinn hat er die Sprache in kreativem Dauerlauf und in unzähligen Projekten in Silben und Buchstaben zerlegt. Er trennte Wörter, wo andere sie nicht zu trennen trauten. Er fügte sie zu Neuschöpfungen, wo andere in der Konvention gefangen blieben.

Es war seine Kolumnensammlung «staat sex amen«, die den in den letzten Jahren in Klingnau wohnhaften Künstler Ende der Neunzigerjahre einem grösseren Publikum bekannt gemacht hat. Seine Publikation «uns ich er», in denen er Wörter unkonventionell trennte und aus der Vollendung den «vollen Dung» machte, hat wohl so manches öde Partygespräch gerettet. Die Sprache, das war Gloors Zuhause. In diesem Ordnungssystem, in dem er sich spielerisch bewegte, mit Miniaturen, Kurzprosa, Aphorismen, hat er sich zeitlebens am wohlsten gefühlt.

Unvergessen ist sein dreibändiges Silbenwörterbuch «be deuts», an dem er dreizehn Jahre gearbeitet haben soll. Gloor versammelte darin abertausende deutschsprachige Einsilber – mit oder ohne Bedeutung.

Dabei war Gloor eigentlich ursprünglich ein am Konservatorium ausgebildeter Pianist mit einer grossen Liebe zur elektronischen Musik. Den Übergang von der Musik zur Sprache thematisierte er mit seinem legendären Schreibklavier. 1993 verband er für ein Projekt mit dem Künstler Roman Buxband die Tasten einer Schreibmaschine mit einem Klavier, um mit Buchstaben Musik zu machen.

Die Wirtschaft mit Wortschöpfungen beliefert

Mit seiner Zürcher Sprachagentur text control, die er erst im vergangenen Jahr verkauft hat, belieferte Gloor über viele Jahre die Crème de la Crème des Schweizer Unternehmertums mit neuen Wortschöpfungen. Gloor gründete text control Ende der 1980er-Jahre, als die Werbeagenturen in der Schweiz in der Krise steckten und ihre Lektorate auslagerten.

Den Badenern wird Gloor mit seiner legendären «Schimpfmaschine» in Erinnerung bleiben. 2005 baute er sie mit dem Künstler Marc Covo für den Eingang des Kulturhauses Nordportal. Sie wirft den Besuchern auf Knopfdruck die absurdesten Kraftausdrücke an den Kopf. Sowohl die «Schimpf»- wie auch die später entstandene «Schätzelimaschine», die allerlei Liebkosungen von sich gibt, gibt es auch digital im Internet.

Noch im letzten Jahr erschien das Bücherpaar «konk/klonk», in dem Gloor seine Freude an der visuellen Poesie Ausdruck verlieh. Nun hat er sich am 6. Februar, in seiner eigenen Art, selbst – be – stimmt, mit sechzig Jahren vom Leben getrennt.

«Wenn ich alt bin und nicht mehr so viel verändern will, werde ich wahrscheinlich wieder zum Klavier zurückkehren», hatte er mir vor sechs Jahren noch erklärt. Es ist doch anders gekommen. Der noch vor seinem Tod gegründete Verlag edition b soll fortgeführt werden. Er wird die Ideen und Bücher dieses zeitlebens arg unterschätzten Avantgardisten hoffentlich lebendig halten.

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