Kunsthaus Baselland
Kulturschock oder Kurort? Wie ausländische Kunstschaffende die Region Basel erleben

Das Kunsthaus Baselland zeigt mit den Ausstellungen «Slowly Arriving» und «Inside the Amazon», wie vertraut sich Fremdeln anfühlt.

Hannes Nüsseler
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«Tribal Print», von Wallen Mapondera, 2017.

«Tribal Print», von Wallen Mapondera, 2017.

zVg / Sebastian Schaub

Der frühere Umschlagplatz Dreispitz ist bekannt für sein reges Kommen und Gehen. Aber Ankommen? «Slowly Arriving» heisst die vom Atelier Mondial kuratierte Ausstellung im Kunsthaus Baselland: Jedes Jahr schickt das Basler Austausch- und Atelierprogramm lokale Kunstschaffende in die weite Welt – und empfängt im Gegenzug Besuch. Doch wie erleben die Gäste ihren mehrmonatigen Aufenthalt in den Wohnateliers auf dem Dreispitz?

Igshaan Adams zum Beispiel, einer von 19 ausgestellten Kunstschaffenden aus zwölf Ländern, durchlitt eine schwere Schaffenskrise. «Bis knapp eine Woche vor der Ausstellung wusste er nicht, was er tun sollte», erklärt Alexandra Stäheli, Projektleiterin von Atelier Mondial. Der Grund: Basel war für den «coloured, homosexual muslim artist» (Eigenbeschrieb), der in seiner Heimat Südafrika überall aneckt, schlichtwegs zu konfliktarm.

«Sein Kampfmodus war plötzlich überflüssig, er musste neue Wege gehen.»

So entstanden Installationen aus Gebetsteppichen, Linoleum und Knüpfereien, mit denen Adams erstmals den Sprung in die dritte Dimension wagte. «Manche Kunstschaffende haben Krisen, andere machen einfach weiter», sagt Stäheli. «Und einige erleben einen eigentlichen Wendepunkt.»

Besonders Gäste vom afrikanischen Kontinent thematisierten ihren Kulturschock. Wallen Mapondera aus Simbabwe etwa fand keinen Gefallen an den heimischen Essgewohnheiten und verarbeitete die Verpackung von als ungeniessbar empfundenen Lebensmitteln zu einem Wandbehang. Und auch Fransix Tenda Lomba, der im kongolesischen Kinshasa neben einer Mülldeponie aufwuchs und mit seinen Metallskulpturen ein künstlerisches Upcycling vornimmt, schaute der Schweiz genau auf den Mund. Fasziniert von der allgegenwärtigen Werbung für Schokolade, entwarf er eigene Plakate, auf denen so gar nicht anmächelig der Kakao auf die weisse Weste der ausbeuterischen Industrie tropft.

Unbedrohliches Dreiland

Doch nicht alle tun sich mit dem Atelieraufenthalt schwer, im Gegenteil. Die gebürtige Mexikanerin Gabriela Galván, die kurz vor dem Ausbruch der Pandemie eintraf, nutzte den Lockdown, um ihr Verhältnis zur Zeit zu überdenken, berichtet Stäheli. Im Kunsthaus Baselland hängen ihre filigranen Zeichnungen von Pflanzenschatten, die mit dem wechselnden Sonnenstand gemächlich über das Papier rutschten. Und die syrische Schriftstellerin Rana Zeid, die aus ihrer Heimat flüchten musste, wurde dank des Dreilands sogar einen Teil ihres Kriegstraumas los:

«Sie konnte die Grenzen zu Deutschland und Frankreich überqueren, ohne um ihr Leben fürchten zu müssen.»
Stützen des Himmels: «Ecstasy – from the Yanomami Dreams Series».

Stützen des Himmels: «Ecstasy – from the Yanomami Dreams Series».

Claudia Andujar

Das Überwinden von Grenzen, politisch wie auch im künstlerischen Ausdruck, verbindet «Slowly Arriving» mit der zweiten Ausstellung, «Inside the Amazon», die in Kooperation mit Culturescapes Fotografien von Claudia Andujar zeigt. Die 1931 in Neuchâtel als Claudine Haas geborene Fotografin wuchs in Rumänien und Ungarn auf, entging nur knapp dem Holocaust und reiste nach dem Zweiten Weltkrieg über die USA nach Brasilien weiter. Dort traf sie auf die Yanomami, eines der bedrohtesten indigenen Völker der Welt, so Kunsthausleiterin Ines Goldbach. «Andujar stellte sich die Frage, wie sie dokumentieren kann, wovon sie selbst Teil wurde.»

Von den Yanomami «adoptiert», setzt sich die Fotografin seit den frühen Siebzigerjahren für die Rechte der Indigenen ein und regt sie dazu an, ihre eigene Weltsicht mit Filzstiften zu Papier zu bringen. So kontrastiert das Volk vom Amazonas, das von sich selbst glaubt, den Kosmos zu stützen, die Begrenztheit westlicher Grenzvorstellungen: Fällt mit den Yanomami der Regenwald, fällt uns allen der Himmel auf den Kopf.

«Arriving Slowly», bis 21. November. «Inside the Amazon», bis 2. Januar 2022. Kunsthaus Baselland, www.kunsthausbaselland.ch

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