Buchvernissage
«Dankbar»: Erinnerungen an Dieter Forte und seine Wahlheimat Basel

Ein Erinnerungsbuch zum grossen Schriftsteller leuchtet gekonnt das vielschichtige Werk des 2019 verstorbenen Wahlbaslers aus.

Alfred Schlienger
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Der deutsche Schriftsteller Dieter Forte am 13. Januar 2004 in Basel.

Der deutsche Schriftsteller Dieter Forte am 13. Januar 2004 in Basel.

Ayse Yavas / KEYSTONE

Die Geburt des Schriftstellers Dieter Forte ist ja mindestens eine dreifache. Und das nicht geringe Verdienst des Erinnerungsbuches «Ich schwimme gegen den Strom» ist es, dass wir jetzt – zwei Jahre, nachdem der grosse, aber eher stille Autor 83-jährig am Ostermontag 2019 in Basel gestorben ist – vertieft darüber sprechen können.

Die erste Geburt, die von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, ist ein wahrer Senkrechtstart, der für Furore und Ärger sorgt: Die Basler Uraufführung seines epochemachenden Erstlings «Martin Luther & Thomas Münzer oder Die Einführung der Buchhaltung» von 1970 in der Aera Düggelin. In neun Sprachen wird das Stück übersetzt und auf über fünfzig weiteren Bühnen weltweit gespielt – ein schwindelerregender Erfolg.

Das Stück zeigt in durchaus zeitgeistiger Zuspitzung die Akteure der Reformation als Agenten eines aufkommenden weltweiten Monopolkapitalismus, dargestellt in der Figur des skrupellosen Augsburger Grossbankiers Jakob Fugger. Die Kulturjournalistin Eva Pfister, die die Uraufführung in Basel als 17-jährige Schülerin selbst miterlebt hat, zeichnet im Buch die Wirkungsgeschichte des Stücks sehr anschaulich und kenntnisreich nach.

Sie hatte auch ihre Eltern zum Theaterbesuch animiert – die aber die Aufführung empört verlassen, als Fugger beim «Agnus Dei» anstelle des Lamm Gottes blasphemisch das Kapital anbetet. An der genau gleichen Stelle verliess übrigens bei der Kölner Aufführung auch die Familie Adenauer geschlossen den Saal.

Eine Tetralogie über alles, was das Leben ausmacht

Dieter Forte wird – als direkter Nachfolger Friedrich Dürrenmatts – Hausautor am Theater Basel und legt zwei weitere Stücke mit verwandter Konzeption nach, «Jean Henri Dunant oder Die Einführung der Zivilisation» und «Das Labyrinth der Träume oder Wie man den Kopf vom Körper trennt», ein psychopathologischer Vergleich des Düsseldorfer Serienmörders Peter Kürten mit Adolf Hitler. Beide Stücke ernten, wie Wolfgang Niehüser im Buch aufzeigt, bei Publikum und Presse ein durchzogenes Echo. Aber noch bleibt Forte dem Dramatischen treu und schreibt zahlreiche anspruchsvolle Hör- und Fernsehspiele bis in die Achtzigerjahre hinein.

Die zweite Geburt des Schriftstellers Dieter Forte ist eigentlich seine erste. Es sind die traumatischen Erinnerungen an die als Kind selbst erlebten Bombennächte des Zweiten Weltkriegs in Düsseldorf. Mit der grandiosen «Tetralogie der Erinnerung» findet der Autor zur grossen, Jahrhunderte überspannenden Romanprosa. Die vier Romane bieten alles, was Leben ausmacht, Freude und Schrecken, Verzweiflung und Trost, Humor und Abgrund.

Am Anfang steht das paneuropäische Zusammenfinden der beiden genetischen Zweige aus Italien und Polen, ein fulminantes Familienepos. Der zweite Roman zeigt den Weg dieser Familie im «Dritten Reich» und enthält die verstörendsten Szenen vom Luftkrieg, die in der deutschen Literatur nach 1945 geschrieben wurden. Forte gelingt es, die endlosen Bombennächte mit beklemmender Präzision und gleichzeitig ohne Pathos und Sentimentalität zu erzählen.

Im Krieg holt sich Dieter Forte auch das schwere Lungenleiden, das ihn lebenslang behindert. Die mühsam zusammengesuchten Bücher werden schon für das Kind zur Zuflucht und zum Medium der Weltaneignung. Und dieser in Bücher buchstäblich vernarrte Mensch bleibt Forte während seines ganzen Lebens. Die Türe zu dieser dritten Geburt des Dieter Forte über die Welt der Bücher und Bilder stösst uns die Basler Literaturvermittlerin Martina Kuoni auf.

Buchpräsentation in der Allgemeinen Lesegesellschaft

Während vier Jahren ist sie als Privatsekretärin Fortes engste Mitarbeiterin und beleuchtet in ihrem Beitrag Hintergrund und Entstehung des Werks «Das Labyrinth der Welt», einer Ode auf den Ursprung der Kultur, der Kreativität, der Menschlichkeit. Inspirations- und Rechercheraum dafür bildet die Bibliothek der Allgemeinen Lesegesellschaft am Basler Münsterplatz, wo sinnigerweise auch die Buchpräsentation stattfinden wird.

Immer geht es bei Dieter Forte um die grossen Fragen: Welche Kunst erschafft die Welt, das Wahre, das Schöne? Und letztlich: Was ist der Mensch? Darin ist der Autor einem anderen Emigranten, Denker und Schreiber verwandt, der ebenfalls in Basel hängengeblieben ist, und den er als Vorbild betrachtet hat: Erasmus von Rotterdam. Als Forte 1970 nach Basel kommt, führt ihn sein erster Gang zu dessen Grab im Münster. «Das Labyrinth der Welt» ist eine kulturdurchtränkte Liebeserklärung an seine Wahlheimat Basel. In einem Interview mit Olaf Cless bekennt der Autor:

«Die Stadt ist in der europäischen Kultur derart zentral angesiedelt, da kann man als Schriftsteller dankbar sein, man hat es als Hintergrund und kann damit spielen.»

Neben zahlreichen, zum Teil bisher unveröffentlichten Originaltexten von Dieter Forte runden diesen schönen Erinnerungsband Beiträge von 16 Autorinnen und Autoren ab, darunter ein emphatisches Lob von Elke Heidenreich, ein spannender Einblick in die Schreibwerkstatt Fortes sowie ein berührendes Porträt der Frau hinter dem Autor, der alle Bücher gewidmet sind und ohne deren liebende Sorge keines hätte erscheinen können. Was uns bleibt: Dieter Forte zu lesen!

«Ich schwimme gegen den Strom. In der Erinnerung an Dieter Forte». Hrsg. von Karl Heinz Bonny, Düsseldorf 2020.
Buchpräsentation und Lesung mit Martina Kuoni, Eva Pfister und Olaf Cless: Mittwoch, 20. Oktober, 19:30 Uhr, Allgemeine Lesegesellschaft, Münsterplatz 8 in Basel.

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