Bachmannpreis
Die Jury zerpflückt die Werke der Autoren gnadenlos – trotzdem lesen dieses Jahr auch zwei Schweizer ihre Romane vor

Am Wettlesen um den Bachmannpreis werden Autorinnen und Autoren vor laufender Kamera von einer Jury zerpflückt. Julia Weber und Lukas Maisel sagen, wie sie mit dem Stress und der Angst vor einer Blamage umgehen. Ab Donnerstag live auf 3sat.

Hansruedi Kugler
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Das Schweizer Duo am diesjährigen Bachmannpreis: Autor Lukas Maisel und Schriftstellerin Julia Weber .

Das Schweizer Duo am diesjährigen Bachmannpreis: Autor Lukas Maisel und Schriftstellerin Julia Weber .

Bild: Keystone

Julia Weber ist froh, kann sie von zu Hause aus lesen

Auf schroffe Zurückweisung muss man ja gefasst sein beim Bachmannpreis. Mit abgelehnten Texten hat auch die 38-jährige Julia Weber Erfahrungen gemacht. Nicht gerade derart rabiate wie Karin Struck, deren Text beim Bachmannpreis 1977 von Marcel Reich-Ranicki mit dem Vernichtungsurteil «Dieser Text ist keine Literatur, sondern ein Verbrechen» abgeschmettert worden war. Struck, die zornig und verletzt abreiste, war das erste Opfer des Ingeborg-Bachmann-Preises.

Sehr viele, jedoch ungleich netter formulierte Zurückweisungen in der Form von Absagen von Verlagen hat aber auch Julia Weber verdauen müssen, bis der Limmat-Verlag ihr Romandebüt «Immer ist alles schön» 2017 herausgab. Der Roman um ein Geschwisterpaar, das seine alkoholkranke Mutter beschützen will, wurde dann mit drei Auflagen ein grosser Erfolg, war für den Schweizer Buchpreis nominiert – und in der Folge ein Longseller auf dem Markt der Lesungen.

Sie lebt das Gegenteil eines einsamen Literatendaseins

Erfahrung mit Ablehnung und Erfolg ist sicher ein Grund, weshalb Julia Weber nun vor dem diesjährigen Bachmannpreis sagt:

«Für mein Schaffen sind solche Juryurteile nicht relevant.»
Julia WeberRomanautorin

Julia Weber
Romanautorin

Bild: zvg

Kommt hinzu, dass sie, mit vielen Kunstschaffenden im Freundeskreis und einem ebenfalls als Schriftsteller erfolgreichen Lebenspartner, so ziemlich das Gegenteil einer zurückgezogenen, einsamen ­Literatin ist.

Mit ihrem Mann Heinz Helle, der schon für den Schweizer Buchpreis nominiert war und 2013 beim Bachmannpreis gewann, und den gemeinsamen zwei kleinen Kindern lebt sie in Zürich. Öffentlichkeitsscheu ist sie ohnehin nicht. So gründete sie 2012 den «Literaturdienst», mit dem sie literarische Dokumentationen, live auf Schreibmaschine getippt, während Anlässen wie Festivals, Hochzeiten oder Geburtstagsfeiern an­bietet.

Für sie gehören Kunst und Zähneputzen zusammen

Mit intaktem Selbstwertgefühl also schaut Julia Weber auf ihren Einsatz kommende Woche. Sie fügt jedoch erleichtert hinzu: «Wir Autorinnen und Autoren bleiben zu Hause, die Lesungen werden nur eingespielt. Das macht es sehr viel abgefederter als in anderen Jahren.» Der Zwiespalt bleibt also mit einem literarischen Wettbewerb, der zwar live am Fernsehen auf 3sat übertragen wird, aber nicht recht in dieses Format passen will. Denn da werden Texte auf klassische Art gelesen, ganz ohne Showelemente, auf die auch sie verzichte, sagt sie.

Julia Weber: Immer ist alles schön. Roman. Limmat-Verlag 2017, 256 S.

Julia Weber:
Immer ist alles schön.
Roman. Limmat-Verlag
2017, 256 S.

Dass Weber die Sache spielerisch-poetisch nimmt, zeigt auch ihr wunderbares Videoporträt zum Bachmannpreis. Da schaukelt sie auf einem Kinderspielplatz mit ihrer Tochter, die in einem Löwenkostüm steckt. Eine Freundin im Hundekostüm setzt sich zu ihr, und Julia Weber sagt im Video:

«Den nassen Hund habe ich erfunden, um einer namenlosen Traurigkeit ein Gewicht, einen Namen und einen Geruch zu geben.»

Darin ist schon vieles, warum man neugierig auf Webers Literatur werden kann: rätselhaftes, spannendes Symbolbild, starke emotionale Andeutung. Sie winkt aber ab: «Der Hund deutet einen Aspekt meines Schreibens an. Im neuen Roman kommt er nicht vor.»

Der Roman ist weit gediehen, der Erscheinungstermin aber noch offen. Und wenn sie im Video die Ambivalenz im Verhältnis von Kunst und Alltag beschreibt, ist man sogleich eingenommen vom poetischen Charme: «Manchmal denke ich, das ist alles miteinander vermengt: Kunst, Kinder, essen, Zähne putzen, Steuererklärung. Und die Kunst ist meine Freiheit, die mir als Mensch und vor allem als Mutter in dieser Gesellschaft fehlt. Das Menschsein und Muttersein wiederum schafft eine Bindung an die Realität, ohne die ich in dieser Freiheit vielleicht verloren gehen würde.»

Lukas Maisel mag es gerne ironisch

Ist dieser Schriftsteller ein Witzbold, ein listiger Sprücheklopfer? Im Videoporträt zum Bachmannpreis flunkert der 33-Jährige jedenfalls ganz schön, wenn er vom kreativen Einfluss des Wurstessens aufs Schreiben schwärmt:

«Mit einer Kafkawurst im Bauch lässt es sich besser schreiben.»
Lukas MaiselRomanautor

Lukas Maisel
Romanautor

Bild: zvg

Am Telefon lacht er. Denn das Gegenteil ist wahr: «Ich schreibe mit leerem Magen besser», sagt er. Dies tue er jeweils vormittags – ohne Frühstück. «Meine Erfahrung beim Schreiben ist dieselbe wie beim Schwimmen. Direkt nach dem Essen sollte man weder das eine noch das andere tun.»

Ein Witzbold sei er aber wirklich nicht, versichert Maisel. Vielleicht ist jedoch sein Talent zur Ironie genau der richtige Selbstschutz beim nervenzehrenden Wettbewerbslesen. Denn auf ein eventuelles Ausscheiden bereits in der Vorrunde habe er keine Strategie, sagt Maisel. Höchstens den schwachen Trost, womöglich treffe man halt einfach den Geschmack der Jury nicht. Sein Mentor, der Kritiker Philipp Tingler, hat diese Erfahrung als Autor selbst machen müssen, als die Jury 2001 seinen Text als «langweilig» taxierte.

Seinen Hang zur Parodie zeigt Maisel auch in seinem Debütroman

«Buch der geträumten Inseln» heisst Maisels aktueller Roman. Dort lässt er den schrulligen Hobbyforscher und Kryptozoologen Robert Akeret den Dschungel Papua-Neuguineas in einer Irrfahrt durchstreifen – auf der Suche nach dem Homo Akereti, dem noch lebenden Bindeglied zwischen Tier und Mensch. Der Roman, für den Maisel viel recherchiert hat und für den er mehrere Male in Indonesien war, ist eine herrliche Wissenschafts- und Abenteurerparodie voller skurriler Details.

Lukas Maisel: Buch der geträumten Inseln. Roman. Rowohlt-Verlag 2020, 270 S.

Lukas Maisel:
Buch der geträumten Inseln.
Roman. Rowohlt-Verlag
2020, 270 S.

Bild: zvg

Lustig mag er es also, der Lukas Maisel, und zitiert im Videoporträt auch noch Karl Marx, der die Literaten zum Lumpenproletariat gezählt und auf die gleiche Stufe wie Gaukler, Zuhältern und Taschendiebe gestellt habe. Aber wo Maisel das Zitat aufgeschnappt hat, will ihm nun partout nicht mehr einfallen. Jedenfalls hockt er im Video dann auf einer Gasse und kaut an seiner Kafkawurst.Dass er zum Taschendieb zu feige gewesen sei, und deshalb Literat wurde, wie er im Porträt sagt, ist natürlich auch geflunkert:

«Die Schriftsteller wollen sich in solchen Filmen meist von der besten Seite zeigen und ein paar schlaue Sätze sagen. Dem wollte ich mit Selbstironie etwas entgegensetzen.»

Als Schriftsteller muss man wohl ein Träumer sein

Das ist ihm denn auch gelungen, und er gesteht gleich noch, dass er halt doch ein Träumer ist:

«Ich gehe der Wirklichkeit ein Stück weit aus dem Weg, indem ich Geschichten erfinde.»

Um an eine Zukunft als Schriftsteller zu glauben, muss man wohl ohnehin ein Träumer sein. Denn Maisel hatte mit seinem Romandebüt gleichzeitig Glück und Pech: Glück, dass er auf Anhieb im renommierten Rowohlt Verlag aufgenommen worden ist, Pech, weil sein Roman im vergangenen August erschien. Lesungen, das Hauptgeschäft der Literaten, fanden danach keine statt. Im Mai hatte er nun wieder ein paar, unter anderem an den Solothurner Literaturtagen, und im Juni liest er am Literaturfestival Leukerbad.

«Ich lebe von Stipendium zu Stipendium»

Ist er womöglich so besessen von einer Lebensidee wie sein literarischer Antiheld Robert Akeret? «Nein, nein. Aber wenn ich eine wichtige Entscheidung im Leben treffen muss, dann entscheide ich mich zugunsten des Schreibens.» Das hat er denn vergangenes Jahr auch getan, hat seinen Job in einem Warenlager und seine Wohnung in Olten aufgegeben. Seinen gelernten Beruf als Drucker hatte er schon länger verlassen.

«Ich lebe derzeit von Stipendium zu Stipendium», sagt Lukas ­Maisel. Momentan als Artist in Resi­dence im Literaturhaus im österreichischen Krems, ab Juli dann als Stipendiat in Berlin. Über den Text, den er beim Bachmannpreis lesen wird, darf nur so viel sagen: «So ziemlich das Gegenteil meines Romans.»

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