Kultur

Auch Luzern hat eine russische Seele

Der Chor Collegium Vocale zu Franziskanern Luzern unter der musikalischen Leitung von Ulrike Grosch beim Konzert in der Franziskanerkirche Luzern am Samstag, 19. Oktober 2019. (Bild Philipp Schmidli)

Der Chor Collegium Vocale zu Franziskanern Luzern unter der musikalischen Leitung von Ulrike Grosch beim Konzert in der Franziskanerkirche Luzern am Samstag, 19. Oktober 2019. (Bild Philipp Schmidli)

Das Collegium Vocale zu Franziskanern führte vor, wieso russische Musik in klassischen Konzerten in der Region so beliebt ist.

Trotz Putin boomt russische Musik in klassischen Konzerten in der Region. Dazu tragen nicht nur Grossveranstalter wie Lucerne Festival oder das Luzerner Sinfonieorchester bei. Das Zentralschweizer Jugendsinfonieorchester demonstrierte kürzlich sinfonische Reife mit einem russischen Programm. Und die Zuger Cantori Contenti entführten im September in die Welt der russisch-orthodoxen Musik. Am Samstag nun rückte das Collegium Vocale zu Franziskanern in Luzern russische Musik ins Zentrum seines Programms unter dem Titel «Printemps russe».

Die Moderne reiht sich nahtlos in die Romantik ein

Woher kommt diese Faszination für russische Musik? Eine Erklärung lieferten am Lucerne Festival Konzerte von Tschaikowsky über Rachmaninow bis zu Schostakowitsch. Sie zeigten, wie russische – und andere osteuropäische – Komponisten die Tradition einer romantischen Ausdrucksmusik bruchlos ins 20. Jahrhundert überführten. Und damit das, was wir als russische Seele schätzen, über alle Avantgardeströmung hinweg in die Moderne retteten.

Das wiederum könnte seinen Grund darin haben, dass russische Komponisten seit dem 19. Jahrhundert tief in der Vokalmusik verankert sind, wie sie sich in der Volksmusik oder in orthodoxen Gesängen zeigt. Und genau das führte das Programm des Luzerner Spitzenchors in der Franziskanerkirche unter der Leitung von Ulrike Grosch vor.

Frappant galt das für den der ersten Programmblock mit geistlichen Gesängen von Peter Tschiakowsky, Sergej Rachmaninow und Alfred Schnittke. Die zeitlose Archaik der orthodoxen Musik, die bei allen durchklang, reihte selbst die Musik des Polystilisten Schnittke (1934-1998) überraschend nahtlos ein in die Werke der späten Romantiker.

Die unisono aus der Tiefe heraufdämmernde Beschwörung des Herrn in Schnittkes «Herr Jesus, Sohn Gottes» hatte zu Beginn geradezu programmatischen Charakter. Sie erinnerte an die – wie in der Gregorianik – ursprüngliche Einstimmigkeit der orthodoxen Gesänge. Die Auffächerung in prismatisch strahlendes Licht bei der Christus-Anrufung stand dagegen für die Vielstimmigkeit, mit der sich die orthodoxen Gesänge einst unter westlichem Einfluss zur Kunstmusik hin öffneten. Und das Collegium Vocale zu Franziskanern überraschte hier schon, wie sehr sich seine Verbindung von Klangkraft und Transparenz für dieses russische Repertoire eignet – bis hin zur überwältigenden Strahlkraft, wo Schnittke in seiner Vater-Unser-Vertonung die «Herrlichkeit in Ewigkeit» feiert.

Zur Synthese von Kunstmusik und Orthodoxie gehörte in Tschaikowskys mysteriösem «Cherubinischen Hymnus», wie sich in fallenden Linien das Ablegen der irdischen Sorgen abbildet, bevor die «Ordnung der Engel» in umrissscharfem Kontrapunkt Gestalt annahm. Zum russischen Ton gehörte in Rachmaninows «Die Gottesgebärerin», wie sich über rabenschwarzen und doch schlank zeichnenden Bässen der Klang in gleissend schwebende Höhen weitete.

Durch Wiederholung zum Repertoire-Klassiker

Von diesem Herzstück des Programms verzweigte sich dieses nach zwei und vielleicht in zu viele Richtungen. Eine reizvolle weltliche Ergänzung waren die kargen und stärker rhythmisch bestimmten Kunst-Volkslieder von Strawinsky, Mussorgsky und Alexander Nikolsky. Als barockes Pendant zu diesen konnte man Claude Le Jeune «Printemps»-Lieder hören. Und ihnen stellte der Chor zum Schluss mit Daniel-Lesurs Hohelied-Vertoungen ein gewichtiges französisches Werk des 20. Jahrhunderts gegenüber.

Den «Cantique des Cantiques» hat der Chor in anderen Zusammenhängen bereits mehrfach zu überwältigender Wirkung gebracht. In diesem russischen Umfeld wirkte er zwar spröder, bestätigte sich aber gerade durch die Wiederholung als ein grossartiges Repertoirestück moderner Chormusik.

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