Klingt Ihnen die mitreissende Ballade von «John Maynard» auch noch im Ohr? «Und noch zwanzig Minuten bis Buffalo»: Der dramatische Sound vom heldenhaften Steuermann, der das lichterloh brennende Schiff mit all seinen Passagieren ans Ufer rettet und dabei selber umkommt: unvergesslich. Oder haben Sie sich mit «Effi Briest» durch diese Ehemissbrauchsgeschichte gelitten, die in ihrer feinnervigen psychologischen Auffächerung bis heute wirkt wie ein Brennglas auf die Geschlechterverhältnisse?

Theodor Fontane, vor 200 Jahren geboren, hat noch viel mehr zu bieten. Denn er ist ohne Zweifel der vielseitigste deutschsprachige Autor des 19. Jahrhunderts: Auslandkorrespondent in London, Kriegsreporter an verschiedenen Fronten, Reiseschriftsteller, pointierter Theater-, Kunst- und Literaturkritiker, Lyriker, Short Story Writer, scharfsinniger Feuilletonist. Ein literarischer Tausendsassa.

Der Produktive

Mit 29 hängt der gelernte Apotheker seinen Beruf an den Nagel und will ganz von seiner Leidenschaft fürs Beobachten und Schreiben leben. Aber erst mit 59 veröffentlicht er den ersten seiner Romane, für die er so berühmt werden sollte. Bis zu seinem Tod zwanzig Jahre später wird er fast jährlich einen weiteren hinzufügen. Was für ein Rhythmus, welch ungeheure Produktivität!

Und dabei ist sein Schreiben das pure Gegenteil von schablonenhaft. Fontane überzeugt als Meister der Zwischentöne, seine Menschen schillern in tausend Facetten, sie sind durchgehend gemischte und gebrochene Charaktere, in denen sich Widersprüche und Scheinheiligkeiten spiegeln, die im Psychologischen überraschende Analogien in unsere Zeit eröffnen. Die DNA unserer Psyche hat in vielem etwas Überzeitliches.

Der Frauenversteher

Der Basler Publizist Christoph Wegmann ist ein ausgewiesener Fontane-Kenner. In diesen Tagen erscheint sein Buch «Der Bilderfex», ein reichhaltiger Bild-Text-Band über Fontanes Faszination für alles Visuelle. Was interessiert Wegmann an Fontane und seinen Figuren, dass er ihnen einige Jahre seines Lebens widmet? «Er hat einen Menschentypus geschaffen, der verschiedenen Zwängen einerseits ausgeliefert ist und andrerseits den tiefen Wunsch zum Ausdruck bringt, anders leben zu wollen. Mit solchen Zwiespältigkeiten schlagen sich seine Figuren herum. Wer kennt das nicht? Dabei findet Fontane die Frauen wesentlich interessanter als die Männer; nicht ihrer Tugenden wegen, wie er betont, sondern um ihrer Menschlichkeiten und Schwächen willen.»

Zumindest geistig und moralisch sind die Frauen bei ihm meist die Siegerinnen. Sieben seiner siebzehn Romane tragen schon im Titel einen Frauennamen: «Cécile», «Grete Minde», «L’Adultera», «Stine», «Frau Jenny Treibel», «Effi Briest», «Mathilde Möhring». Wegmanns Lieblingsfigur ist Melusine von Barby im Spätwerk «Der Stechlin»: «Das ist eine hinreissend kluge und witzige Causeurin, attraktiv und gewandt – und endlich mal keine leidende, sondern eine freie, starke Frau mit Vergangenheit und viel Raffinesse.»

Der Subtil-Erotiker

Fontane begegnet uns in seinen Romanen als diskreter Erotiker der Indirektheit, der Spiegelung, der Andeutung und Auslassung, vor allem wenn es ums explizit Körperliche geht. Damit stachelt er die Fantasie der Leserin, des Lesers an. Aber passt diese Dezenz noch in unsere Zeit? Wegmann lacht und sagt: «Ich hoffe, das kommt mal wieder. Im Privaten konnte er auch zotig werden, was zu einem heftigen Zerwürfnis mit dem Schriftstellerkollegen Theodor Storm geführt hat. Dass Fontane so oft Ehebruchgeschichten thematisierte, wurde vom zeitgenössischen Publikum durchaus als delikat wahrgenommen und auch kritisiert. Das Anstössige, das man in den Romanen nicht sagen darf, das zeigen bei Fontane eben die Bilder, die er einfliessen und sprechen lässt: Skandalszenerien mit nacktem Fleisch. Die Ausweitung des Sagbaren kommt dann erst mit Schnitzler.»

Der Zeitdiagnostiker

Fontane hat fast das ganze 19. Jahrhundert mit all seinen Erfindungen und Verwerfungen durchmessen. Die ersten Eisenbahnlinien in Deutschland, das erste Water Closet, die rasante Entwicklung der Massenmedien, Telegramme, Postkarten, das Aufkommen der Reklame, die Revolutionen und Kriege. Aber Fontane hat vor allem auch ein aussergewöhnliches Faible für das ganz gewöhnliche Alltagsleben. Er beobachtet und notiert sowohl diese frühen Globalisierungstendenzen der Moderne wie auch das ewige Einerlei mit einer stupenden Neugier und Akribie.

«Fontane ist ein Aufmerksamkeitsgenie, er ist immer dort, wo gerade etwas passiert», betont Wegmann. «Er hat einen ungemein genauen und liebevollen Blick für das Kleine und Nebensächliche, das Skurrile und Abartige. Fontane unterstreiche das auch selber: «Grosse Geschichten interessieren mich in der Geschichte, sonst ist mir das Kleinste das Liebste.» Das mache ihn zu einem eminenten Zeitzeugen von Lebensstilen, Moden und Marotten, so Wegmann. «Wunderbar puzzleartig fliesst das in seine Romane und in die übrigen Schriften ein, in denen es letztlich um unser prekäres ‹Zuhausesein in der Welt› geht.»

Der Sprachspielakrobat

Diese ganze Vielfalt der Inhalte wäre – literarisch gesehen – nichts, wüsste Fontane es nicht in eine funkelnde Form zu giessen. Was zeichnet ihn sprachlich aus? Und funktioniert dieser Sprachzauber, der das Leichte mit dem Tragischen verbindet, auch heute noch? «Mich fasziniert an Fontanes Sprache, dass er ein Antipathetiker ist, ein Lakoniker von sprühendem Witz und Humor», lobt Wegmann. «Sein Schreiben strahlt eine irre Coolness aus. Er kann die grossen Dinge höchst elegant runterholen und hat eine göttliche Freude am Durcheinanderschmeissen von Gross und Klein. ‹Der König ist eine Puppe und die Puppe ist ein König›, schreibt Fontane. Das trifft für seinen gesamten spielerischen Umgang mit Sprache und Inhalten zu und ist bis heute sehr unterhaltsam.»

Ein Spezialvergnügen bilden Fontanes genuine Langworterfindungen wie etwa «Schuhbürstenbackenbart», «Höflichkeitsdeckmantel» oder «Neuralgiekomödie». Peer Trilcke, der Leiter des Fontane-Archivs, habe diesen Wörterschatz des Fontane-Codes gehoben, unterstreicht der Fontane-Fan. «Darin steckt immer ein erzählerisch-dramaturgischer Witz. Auch wenn diese Langwörter auf den ersten Blick vielleicht bürokratisch wirken, sind sie im Kontext immer sehr aufschlussreich und erzählen in grosser Verknappung, wie etwa eine Neuralgie einen Menschen zur Witzfigur machen kann. Ein sprachlicher Slapstick.»

Der Multikommunikationsprofi

Betrachtet man seinen Arbeitsstil, erweist sich Fontane als enthusiastischer Medienarbeiter – und darin als verblüffend modern und vielseitig. Er ist ein besessener Collageur, ein Sammler und Sampler von Stimmen und Stimmungen und wirkt so quasi als DJ der gesellschaftlichen Diskurse seiner Zeit. Das bestätigt Wegmann: «Deutlich mehr als die Hälfte seines Romanwerks besteht aus Dialogen, und schlicht alle Medien haben ihn fasziniert, er war regelmässiger Varieté-Besucher, verfolgte immer mehrere Projekte gleichzeitig, wirkte als publizistischer Freelancer, schrieb in Serienform Entwürfe für Zeitschriften, und wenn ein Verleger anbiss, wurde ein Roman draus.» Heute wäre dieses kommunikative Multitalent wohl auf allen digitalen Kanälen präsent.

Der Bildernarr

Seit seiner frühen Kindheit wurde Fontane ganz wesentlich durch Bilder sozialisiert. Guckkästen, Karten, Stiche, Zeitschriften, Kataloge, Bilderbogen und Zeitungen waren sein wichtigstes Bildungsmedium. In einer Art moderner Selbstlerndidaktik entwickelte er damit eine hohe visuelle Sensibilität und ein fotografisches Gedächtnis, das Seinesgleichen sucht. Im «Bilderfex» breitet Christoph Wegmann diese Bild-Text-Verknüpfungen, die sich im Werk Fontanes finden, wie in einem Musée imaginaire aus: erhellend geordnet, leicht lesbar und hochvergnüglich. Es ist ein Spaziergang durch den Kosmos Fontane, den man flanierend ganz nach Gusto steuern, unterbrechen und wieder neu starten kann.

Welche drei Romane würde uns der Fontane-Kenner besonders empfehlen? Wegmann denkt länger nach: «Dann nehme ich ‹Unwiederbringlich›, ein bisher eher unterschätztes Werk von hoher Qualität, mit Witz und viel Drama; ‹Schach von Wuthenow›, wo Fontane packend erzählt, wie ein stolzer Offizier durch einen unglaublichen Karikaturen-Shitstorm zugrunde geht; und natürlich ‹Der Stechlin›, der Abgesang eines klugen alten Mannes von hinreissender Grandezza.»