Argovia Philharmonic
Kleine Feinheiten und grosse Bögen

Die Argovia Philharmonic verbindet Beethoven mit Brahms, Camille Thomas gestaltet Schumanns Cellokonzert kraftvoll und subtil.

Peter König
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Camille Thomas und Chefdirigent Rune Bergmann mit der Argovia Philharmonic.

Camille Thomas und Chefdirigent Rune Bergmann mit der Argovia Philharmonic.

Chris Iseli/AP

Das Violoncello hat jüngst mächtig Boden gut gemacht. Lange stand es im Schatten von Klavier, Geige und Blasinstrumenten, doch heute gibt es eine ganze Gilde junger Solistinnen und Solisten, die mit dem sperrigen Gerät Triumphe feiern.

Eine solche Künstlerin hat jetzt bei der argovia philharmonic mit Robert Schumanns (1810 - 1856) Cellokonzert Station gemacht, die 33-jährige Franko-Belgierin Camille Thomas. Der Komponist selber hat die Uraufführung nicht mehr erlebt, und es dauerte lange, bis sich das Werk im Konzertsaal etablieren konnte. Es ist reich an Melodien und hat eine breite Farb- und Ausdruckspalette. Ein Grund für den langen Anlauf sind wohl auch die technischen Schwierigkeiten für den Solisten. Solche kennt Camille Thomas allerdings nicht: Energisch und bestimmt, aber auch fein und filigran führt sie den Bogen.

Das Orchester ist unüblich eng mit dem Solopart verflochten, und Chefdirigent Rune Bergmann gelingt eine perfekte Balance. Weil Schumann Beifallsbezeugungen mittenim Stück ein Greuel waren, lässt er die drei Sätze attacca, also pausenlos aufeinander folgen. Ein Höhepunkt ist das Zwiegespräch der Solistin mit dem ersten Cellisten des Orchesters im Mittelsatz.

Camille Thomas spielte ein Werk von Pablo Casals als Zugabe.

Camille Thomas spielte ein Werk von Pablo Casals als Zugabe.

Chris Iseli/AP

Die Zugabe «El cant dels ocells» als Hommage an Pablo Casals macht Sinn, hat doch der grosse Katalane wesentlichen Anteil an der Etablierung des Schumann-Konzerts. Zwei Wermutstropfen bleiben: Gestik und Mimik von Camille Thomas sind gewöhnungsbedürftig und lenken vom Spiel ab. Und eines von vielen Mikrofonen muss suboptimal platziert gewesen sein, denn Thomas’ Vortrag wurde begleitet von einem schwer zu ortenden, ungemein störenden Schleifgeräusch.

Vier Sinfonien als grosses Ganzes

Johannes Brahms’ (1833 – 1897) vier Sinfonien stehen im Zentrum des argovia-Programms dieser Saison. Nach der Ersten nun also die Zweite, von Ausdruck und Entstehung her ein klares Gegenstück: Mit der ersten Sinfonie hatte Brahms jahrzehntelang gerungen, die zweite floss ihm nur so aus der Feder (wie übrigens auch Schumann das Cellokonzert).

Die erste eher schwer, die zweite luftig, lebensfroh und ländlich heiter, so dass gerne der Vergleich mit Beethovens Pastorale herangezogen wird. Man kann aber, etwa im Ländler zu Beginn des Allegretto grazioso, auch schon eine Vorahnung auf Mahler sehen. Rune Bergmann versteht Brahms’ Sinfonien als grosses Ganzes und spannt damit einen weiten Bogen über die Saison; in dieser Lesart wäre die D-Dur-Sinfonie also der zweite Satz.

Dirigent und Orchester sehen aber auch den Bogen innerhalb der einzelnen Sinfonie: Betont wird das Verbindende, Dynamik und Tempi werden eher angeglichen als abgehoben. Das ergibt einen schönen Fluss über das Ganze und einen homogenen Gesamteindruck.

Überraschende Gemeinsamkeiten

Die Wiedergabe der argovia philharmonic legt auch Parallelen zwischen drei vermeintlich sehr verschiedenen Werken offen, aber nicht auf Kosten von Transparenz und Differenzierung. Gerade bei Brahms – erst hier nimmt der Dirigent den Taktstock zur Hand, um feiner zeichnen zu können – wird subtil Schicht für Schicht freigelegt. Auch Schumanns Orchestersatz kommt durchhörbar klar daher.

Und vorab Beethoven: Zwar «nur» neun Minuten lang, aber die Egmont-Ouvertüre ist ein Auftakt nach Mass. Auch sie melodiös und kantabel, auch sie gipfelt wie die beiden anderen Werke in einem fulminanten Finale. Bevor der Applaus einsetzen kann, wirft Bergmann einen verschmitzten Blick über die Schulter, als wolle er den Saal fragen «Na? Was sagt ihr nun?».

Sein Orchester ist in allen Registern glänzend disponiert, und den kleinen Feinheiten wie den mächtigen Tutti kommt die Akustik der (allerdings zwei Grad zu kühlen) Alten Reithalle sehr zugute. Das Publikum erlebt einen Ritt durch das 19. Jahrhundert, vom Höhepunkt der Wiener Klassik bis in die Romantik, und dankt es mit herzlichem Beifall.

Wiederholung: Sonntag 28.11., 17 Uhr, Aarau, Alte Reithalle

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