Theater Basel
Antiker Mythenstoff überzeugt Publikum auf kleiner Bühne

Die Inszenierung von Benjamin Brittens «The Rape of Lucretia» überzeugt im Theater Basel. Es gab viel Applaus für einen in jeder Hinsicht gelungenen Abend.

Jenny Berg
Drucken
Teilen
Die Regie zeigt eine klare Personenführung, die die Figuren passgenau in das ästhetisch schöne, vielseitig bespielbare Bühnenbild setzt.

Die Regie zeigt eine klare Personenführung, die die Figuren passgenau in das ästhetisch schöne, vielseitig bespielbare Bühnenbild setzt.

Simon Hallström / ICONIQ Studio

Europa 1946. Der Zweite Weltkrieg ist zu Ende. Millionen von Menschen stehen vor den Trümmern ihrer Existenz. Sie suchen nach irgendeiner Form von Halt und Sinn.

In diesem Jahr komponiert Benjamin Britten in England seine zweite Oper: «The Rape of Lucretia». Er wählt einen antiken Mythenstoff, der in Rom 500 vor Christus spielt und von einer vorsätzlichen Vergewaltigung handelt: Zwei römische Kriegsgeneräle wetten, welche Ehefrau im Krieg treu geblieben ist. Einzig Lucretia war ihrem Collatinus treu, woraufhin der ebenfalls betrogene Etruskerkönig Tarquinius die Ehre der einzigen treuen Frau auf die Probe stellen will. Er reitet nachts zu Lucretia, vergewaltigt sie und treibt sie damit in den Selbstmord – um ihren Ehemann Collatinus vor der Schande zu bewahren.

Ein passendes Sujet für diese Nachkriegszeit? Ja: Gewalt und Unrecht standen in den Kriegsjahren an der Tagesordnung. Und: Alle Figuren dieser Oper stehen am Ende vor den Trümmern ihrer Existenz und suchen nach irgendeiner Form von Halt und Sinn. «Ist das alles?», lauten die letzten Worte im Libretto von Ronald Duncan, fussend auf André Obeys «Le Viol de Lucrèce».

Kleine Besetzung als Mittel

Das Basler Opernstudio «OperAvenir» hat nun in Kooperation mit der Musikakademie der Hochschule für Musik Basel diese Kammeroper auf die Kleine Bühne des Theater Basels gebracht. Eine kluge Stückwahl für eine solche Talentschmiede wie das Opernstudio. Britten konzipierte sechs vergleichsweise gleichwertige sowie zwei kleinere Rollen; das Instrumentalensemble sieht 13 Musiker vor. Die kleine Besetzung ist nicht etwa nur der ressourcenarmen Nachkriegszeit geschuldet, sondern gehört bei Britten durchaus zum ästhetischen Programm. Er äusserte sich damals kritisch gegen die seiner Ansicht nach von Hollywood-Instrumentierungen beeinflussten Tutti-Wirkungen.

Seine Kammeroper ist aber dennoch ein Werk mit grosser Klangwirkung. Die einzelnen Instrumente sind gezielt eingesetzt – etwa die Harfe als Symbol der weiblichen Unschuld – und im Zusammenspiel sind die Eigenheiten des einzelnen Instruments stets transparent hörbar. Das Studierendenensemble unter der Leitung von David Cowan glänzte bei der Premiere mit viel lebendiger Theatermusik, spielte die vertrackten Rhythmen mit packender Spannung und trug die Sänger bei den lyrischen Passagen.

Dass auch die Sänger noch zum Nachwuchs zählen, war fast nicht zu spüren, mit solcher Stimmwucht wurde die Kleine Bühne gefüllt. Aidan Ferguson überzeugte als Lucretia mit ihrem warmen Alt, den sie in den Momenten der Verzweiflung hell und schrill färben konnte. Ihr zur Seite stand die Magd Lucia; wunderbar zart und ins Leben verliebt wurde sie von der jungen Sopranistin Maria Carla Pino Cury verkörpert. Rita Ahonen verkörperte die Amme Bianca, die Lucretia mit tiefem Alt Lebensweisheiten mit auf den Weg gibt.

Erzähler verleihen Werk Spannung

Dem homogenen Damenensemble stand ein gewichtiges Männerterzett gegenüber: Zachary Altman als drängender Tarquinius mit hellem, klarem Bariton, Jose Coca Loza als Collatinus mit grossem, tiefem Bass, und Jason Cox als Draufgänger Junius.

Dass Britten darstellenden Figuren ein Erzählerpaar zur Seite stellt, das die Geschehnisse aus christlicher Perspektive kommentiert – und so zu Beginn verlauten lässt: «Rom muss 500 Jahre auf die Geburt Jesu warten» – gehört zu den interessanten Eigenheiten dieses Werkes. Die Erzähler repräsentieren die Aussenperspektive. Manchmal aber schlüpfen sie in die Stückfiguren hinein – etwa wenn auch der Erzähler hingebungsvoll den Namen der keuschen Lucretia deklamiert – und werden gleichsam von diesen überholt: Die Erzähler fangen plötzlich an, Entscheidungen zu treffen, die das Agieren der Figuren zu beeinflussen und die Handlung voranzutreiben scheint.

Diese nicht ganz einfach zu fassende Rolle hat Kang Wang mit grosser Hingabe gefüllt. Er hat die Geschichte voll intensiver Emotionen begleitet und konnte seinen Tenor vom zarten Piano bis ins bedrohliche Fortissimo weiten. Meike Hartmann gab mit klarem Sopran die Erzählerin. Die Ensembles der Figuren und der Erzähler, in denen sich beide Ebenen mischen, gehören musikalisch zu den schönsten Szenen dieser Oper.

Die Regie von Ulrike Jühe zeigt eine klare Personenführung, die die Figuren passgenau in das ästhetisch schöne, vielseitig bespielbare Bühnenbild von Marianna Helen Meyer setzt. Viel Applaus für einen in jeder Hinsicht gelungenen Abend.

Theater Basel, weitere Aufführungen bis 25. April 2015.

Aktuelle Nachrichten