Andreas Homoki
Nach den Missbrauchsvorwürfen im Zürcher Opernhaus: Der Chef lächelt die Probleme weg

Andreas Homoki, Intendant am Opernhaus Zürich, ist in der aktuellen Krise unsichtbar. Bis am Sonntag. Dann galt es der Kunst, seine Inszenierung von «Les Contes d’Hoffmann» feierte Premiere.

Christian Berzins
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Künstler Andreas Homoki bei der Premierenfeier am Sonntag.

Künstler Andreas Homoki bei der Premierenfeier am Sonntag.

Opernhaus Zürich/Facebook

Das Opernhaus Zürich steckt in einer verzwickten Lage: Der Teil-Lockdown macht es unsichtbar und intern brodelt es. Umso erstaunlicher ist es, dass Intendant Andreas Homoki nicht präsent ist – ausgerechnet in der grössten Krise seit dem 5-Millionen-Verlust im Jahr 2011.
Bis Sonntag war es jedenfalls so, dann aber zeigte sich Homoki im Stream, galt es doch, die neuste Produktion zu präsentieren: die eigene Inszenierung von Offenbachs «Les Contes d’Hoffmann».

Mit seinem Comeback zeigte Homoki einmal mehr, was er seit seinem Amtsantritt 2013 immer wieder betont, man aber doch nicht ganz glaubt: Seine Kernkompetenz liegt in der künstlerischen Arbeit als Regisseur. Und so wundern wir uns auch immer weniger über seine Feinde, die unsere Mailbox vollstopfen mit Vorwürfen à la «Homoki interessiert sich ausser für seine Regiearbeiten und seine befreundeten Regisseure für herzlich wenig am Haus». Andere zischen Bösartigkeiten wie «Nicht Homoki, sondern der Finanzchef führt das Haus».

Die Zürcher nehmen diese Haltung gelassen, haben damit Erfahrung: Christoph Marthaler interessierte es auch nicht, was im Schauspielhaus vorging. Hauptsache, der Direktor konnte (zusätzlich bezahlt) im eigenen Haus und auswärts inszenieren.

Aus einem Stein wurde eine Lawine

Am Opernhaus Zürich brodelt es schon lange. Im Januar kam einiges an die Oberfläche. Damals teilte Homoki den Mitarbeitenden mit, dass man sich leider von Opernhausdirektor Fichtenholz trenne, dass der Russe gekündigt habe. Der Grund der Kündigung aber – ein Verfahren wegen Machtmissbrauch – liess Homoki unerwähnt. Erst als diese Zeitung davon berichtete, kam der Stein ins Rollen. Er wurde zur Lawine.

Das Opernhaus ging in die Offensive und befragte seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wie es um das Haus stehe. Das Resultat war vernichtend: 27 Prozent der Mitarbeitenden, mehr als jede(r) Vierte, hat am Opernhaus Machtmissbrauch erlebt. Notabene in den letzten drei Jahren. 39 Personen einmal, 111 mehrmals und 23 regelmässig. Von 649 Befragten sind 79 Personen (12 Prozent) in den letzten drei Jahren von Belästigung betroffen gewesen. 12 Mitarbeitende haben sich einmal belästigt gefühlt, 59 mehrmals und 8 regelmässig.

Seit das Schweizer Fernsehen letzten Dienstag ein Interview ausstrahlte, in dem anonym erzählt wurde, wie der Operndirektor Fichtenholz seine Macht mit sexuellen Avancen gegenüber jungen Sängern ausspielte, weiss es nun die ganze Schweiz. Doch als das Opernhaus zu den Vorwürfen Stellung beziehen sollte, hielt statt Homoki Christian Berner den Kopf hin: Der kaufmännische Direktor redete sich um Kopf und Kragen, turnte von Floskel zu Floskel und wurde vom Sympathieträger des Opernhauses zum Buhmann. Homoki aber war fein raus.

Den Intendanten danach gefragt, warum nicht er selber aufgetreten war, antwortete nichtig: «Im vorliegenden Falle schien uns Christian Berner einfach der geeignetere Interviewpartner, da er als Kaufmännischer Direktor auch Personalleiter ist. In dieser Funktion war er auch von Anfang an sehr viel stärker in das Verfahren eingebunden als ich.»

Naiv? Homoki ist ein Meister darin, Kritik gelassen von sich zu schütteln. Als im Herbst 2019 viele Häuser von Placido Domingo wegen MeToo-Vorwürfen Abstand nahmen, liess ihn Homoki singen. Es gelte die Unschuldsvermutung. Als Anna Netrebko 2015 im Opernhaus auftrat, sich gleichzeitig aber aktiv in den Ukraine-Konflikt einmischte, hatte das Opernhaus keine Meinung dazu, einigte sich auf die Floskel, dass Musik unpolitisch sei.

Gefährliches Spiel: Die Kurtisane Giulietta umgarnt den Künstler Hoffmann so lange, bis er sein Spiegelbild verliert.

Gefährliches Spiel: Die Kurtisane Giulietta umgarnt den Künstler Hoffmann so lange, bis er sein Spiegelbild verliert.

Monika Rittershaus / Opernhaus Zürich

Homoki hat sich mit der Stadt arrangiert, Kritik gibt es nicht. Die Politik und sein Verwaltungsratspräsident nicken sein Tun ab, glauben an das schöne Schlagwort der «Oper für alle», auch wenn das mit 80 Millionen subventionierte Theater zu den teuersten Opernhäusern der Welt gehört. Sein Vertrag läuft bis 2025.

Für den Stream vom Sonntag waren 1300 Personen zugeschaltet. Da das Opernhaus eine der internationalsten Kulturinstitutionen der Schweiz ist, enttäuscht diese Zahl. Das Luzerner Sinfonie- oder das Tonhalle-Orchester erreichten in den letzten Wochen gleichviel oder mehr Klicks mit Konzerten.

Lächle heiter über den Schmerz

Immer wieder betont Homoki, wie wichtig es sei, in einem Betrieb mit 600 Angestellten klug zu delegieren. So überlässt er die Sängerbesetzungen dem Operndirektor. Der Russe Michael Fichtenholz legt den Fokus auf sein Heimatland, engagiert oft russische Powerstimmen – der Vortritt beginnt im Opernstudio und geht bis zu den Protagonisten auf der Bühne.
Das ist auch in «Les Contes d’Hoffmann» so, wo ausser Dirigent Antonino Fogliani, Titelheld Saimir Pirgu und die Sängerin der Antonia (Lauren Fagan) niemand besonders positiv auffällt.

Homokis Regie ist handwerklich gut gemacht. Aber dem sehr ästhetischen Geschehen fehlt jeglicher Funke Genie, viele Stereotype sind zu sehen, Bewegungen, die in jeder Homoki-Regie auszumachen sind. Bis zum Finale, wo eine rührende Auflösung des Konflikts zu bewundern ist, läuft alles nach Reclam-Heft. Dann aber triumphiert der Künstler Hoffmann über das Böse, seine Muse tröstet ihn und singt: «Lächle heiter über Deinen Schmerz, die Muse lindert Deinen Kummer.»

Ob dieser Triumph dem Künstler Homoki gelingt, wird sich zeigen. Zweifel daran lasse das Schlussbild des Streamings, wo man einmal mehr sah, wie leer die Intendantenworte sind. Im Pauseninterview hatte Homoki erklärt, wie klug sein Schutzkonzept sei. Nach Vorhangfall sah man, wie sich alles auf kleinstem Raum minutenlang innig umarmte. Aber egal: Da war Homokis Regie ja schon im Kasten.