Literatur

An der Frankfurter Buchmesse reizt das Buch noch zur Debatte

Analyse zur Bedeutung und Faszination der Frankfurter Buchmesse.

Wir sind neidisch. In Frankfurt eröffnet die norwegische Kronprinzessin Mette-Marit die Buchmesse. Zusammen mit der norwegischen Ministerpräsidentin Erna Solberg sprach sie über ein Gedicht. Als Frankreich 2017 Gastland war, schüttelten sich Angela Merkel und Emmanuel Macron zum Start der Messe die Hand und riefen: «Ohne Kultur kein Europa!» Zwei Beispiele von vielen. Die Buchmesse ist jedes Jahr ein Staatsakt. Und dies für das altehrwürdige Buch!

Wenn dann bei den Eröffnungsreden die gesellschaftspolitische Dringlichkeit der Buchkultur beschworen wird, erblasst man als Schweizer Bücherfreund. Was für ein Pathos! Und was für ein Kontrast zur Schweiz!

Bundesräte sieht man hierzulande an Literaturanlässen selten. Alain Berset verteilt zwar jedes Jahr eidgenössische Film- und Literaturpreise und ist immer auch am Filmfestival Locarno zu sehen. Sein Auftritt 2015 an den Solothurner Literaturtagen war aber eine Ausnahme. Die Politik zollt der Literatur und dem Buch höfliche Wertschätzung. Einen Beitrag zu aktuellen gesellschaftlichen Debatten misst man ihnen allerdings kaum zu.

Deutschland denkt an der Buchmesse kritisch über sich selbst nach

Zugegeben: Die Schweiz ist klein, EU-Euphorie à la Macron ist hier fremd. Die Buch Basel konzentriert sich neben ein paar gesellschaftspolitischen Büchern und Debatten wie alle anderen Buchevents aufs Format Literaturfestival. Familiär und unaufgeregt widmet man sich landauf, landab vor allem Autorinnen und Autoren, die ihre Romane schon auf dem Markt haben.

Dagegen ist nichts einzuwenden. Spannende gesellschaftspolitische Debatten aber brauchen pointierte Sachbücher. Zu wenige davon werden an Festivals diskutiert. Hiesige Politikermemoiren werfen zudem kaum Wellen. Auch musste man sich nach zwei Weltkriegen zwar hinterfragen, aber nicht intellektuell völlig neu erfinden.

Bücher als Schutzschild gegen die Neue Rechte

An der Frankfurter Buchmesse erlebt man hingegen Jahr für Jahr, dass das Buch in Deutschland genau deswegen moralisch besonders mit Bedeutung aufgeladen ist: als ständige Selbstreflexion in Romanen und Sachbüchern, durchaus auch als Schutzschild. Das wurde vor zwei Jahren deutlich.

Der Auftritt rechtsgerichteter Politiker und die Teilnahme von Verlagen der Neuen Rechten führten zu Demonstrationen und Handgreiflichkeiten und zur Verbannung dieser Verlage in eine unattraktive Ecke der Messe. Demokratie scheint in Deutschland immer noch auf Probe. Die Messeleitung scheut sich aber nicht, politischer Einflussnahme die Stirn zu bieten. Sie liess 2015 Salman Rushdie auftreten – gegen den Protest der iranischen Delegation. Aktuell zeigt die Messe mit einer Mahnwache Solidarität mit der Hongkonger Freiheitsbewegung.

Memoiren und Thesenbücher als gelebte Geschichte

Man mag die vielen Auftritte der Memoirenschreiberinnen und Thesenautoren als Schaulaufen belächeln. Aber ein kleiner Rückblick auf vergangene Jahre zeigt: Wenn Liedermacher und DDR-Dissident Wolf Biermann auf sein Leben zurückblickt und die Feministin Alice Schwarzer ihre Biografie präsentiert, wenn der ehemalige CDU-Generalsekretär Heiner Geissler den Neoliberalismus attackiert, der ehemalige Aussenminister Joschka Fischer den Konflikt zwischen Grünen-Pazifismus und Balkankriegen analysiert und Kriegsreporterin Carolin Emcke ihr Buch «Gegen den Hass» vorstellt, dann ist das brisante, gelebte Geschichte und Gegenwart.

Die Nation hört ihnen an der Buchmesse zu. Meist nach oder vor weiteren Auftritten in den unzähligen Fernsehtalkshows im deutschen Fernsehen. Aktuell der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel mit seinem Gefängnisreport «Agentterrorist». Es ist ein Beleg für die lebendige Debattenkultur in Deutschland.

Pointierte Sachbücher helfen Gesellschaftdebatten auf die Sprünge

Am grössten Literaturfestival der Schweiz, an den Solothurner Literaturtagen, bleibt man politisch unter Gleichgesinnten und beschränkt sich auf Literatur. Nichts dagegen. Aber hier vermisst man Biografien und Politanalysen, die man mitsamt ihren Autorinnen und Autoren in Frankfurt erleben kann. Das müsste auch Schweizer Buchevents zu denken geben. Nicht nur deutsche Autoren wie Carolin Emcke und Harald Welzer schreiben packende Sachbücher. Sonst steht Lukas Bärfuss in seiner Doppelrolle als Romancier und Politprovokateur bald alleine da.

Autor

Hansruedi Kugler

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