«Mamma, gib mir einhundert Lire, damit ich nach Amerika gehen kann», fleht das Mädchen. «No, no», antwortet die Mamma, doch auf Drängen ihrer Söhne willigt sie schliesslich ein. Kurz darauf wird ihre böse Vorahnung wahr: Das Schiff geht unter und der Körper ihrer Tochter wird von einem Wal verschluckt.

Es ist das italienische Volkslied «Mamma mia, dammi cento lire», das diese Geschichte erzählt. Entstanden ist es im 19. Jahrhundert, während der grossen europäischen Auswanderungswelle, die nun im Fokus des diesjährigen Animationsfilmfestivals Fantoche steht.

«Die Geschichte des Mädchens in diesem Volkslied ruft die vielen traurigen Schicksale von heute im Mittelmeerraum in Erinnerung», sagte Festivalleiterin Annette Schindler an der Medienkonferenz am Dienstag. «Ich wollte mit unserer Filmselektion bewusst eine Parallele zwischen damals und heute ziehen.»

Verschiedene Facetten der Migration

Unter dem Slogan «Schuhe, Hemd und 100 Lire» will sich das Fantoche, das am 3. September in seine 17. Ausgabe startet, mit den verschiedenen Facetten der Migration auseinandersetzen. Drei Kurzfilmblöcke kreisen um Themen wie Sehnsuchtsorte, Heimatbilder und Horizontverschiebungen, um den Blick vom neuen Ort auf die alte Heimat.

«Es gibt ja auch glückliche Auswanderungsgeschichten», erzählte Schindler weiter. «Einem Mellinger Bürger etwa, der zu jener Zeit von der Gemeinde mit einem Koffer mit Schuhen, einem Hemd und ein bisschen Geld ausgestattet wurde, gelang die Überfahrt.»

Der Mann habe sich in seiner neuen Heimat derart gut eingelebt, dass er den Koffer an die Gemeinde zurückschickte. Das Originalobjekt – eine Leihgabe des Ortsmuseums Mellingen – wird am Fantoche zu bestaunen sein.

Abgerundet wird der Themenschwerpunkt laut Schindler mit Lesungen und mit einem Virtual-Reality-Projekt von Schulklassen.

Hommage an die Pioniere aus dem Tessin

Einen zweiten Schwerpunkt widmet das Fantoche dem Animationsfilmschaffen im Tessin. «RSI stellte in den Siebziger Jahren als erster Sender animierte Kinderprogramme fürs Schweizer Fernsehen her», erklärte Schindler. «Das Tessin war ein wichtiger Motor der Schweizer Animation.»

Am Festival werden sowohl Filme zu sehen sein, die im Tessin entstanden sind, als auch Werke, die von Tessinern hergestellt wurden, die ihr Arbeitsglück woanders suchen mussten.

Der Tessiner Animationsfilmer Marcel Barelli etwa studierte in Genf, wo er heute immer noch lebt und arbeitet. Für seinen Film «Vigia», der am Fantoche gezeigt wird, hat er eine Geschichte seines Grossvaters über das Bienensterben in der Region mit handgezeichneten Bildern voller Schalk unterlegt.

Das «Animations-Biotop Tessin», wie Schindler es nennt, sei in den 90er Jahren zwar ausgetrocknet. Doch Talente wie Barelli stünden stellvertretend für eine erneute Blüte des Tessiner Animationsfilmschaffens.

Den Profis über die Schultern schauen

Das Fantoche bedeutet für einige Weggezogene auch eine Art Heimkehr. Für Simon Otto etwa. Der erfolgreichste Schweizer Animationsfilmer in Hollywood reist nach Baden, um Einblicke in seine Arbeit am Blockbuster «How to Train Your Dragon: The Hidden World» geben.

Der animierte Dokumentarfilm «Waltz with Bashir» wurde 2009 mit dem Golden Globe prämiert. Regisseur Ari Folman wird am Fantoche zu Gast sein.

Der animierte Dokumentarfilm «Waltz with Bashir» wurde 2009 mit dem Golden Globe prämiert. Regisseur Ari Folman wird am Fantoche zu Gast sein.

Ein weiterer prominenter Gast am diesjährigen Fantoche ist Ari Folman. Der israelische Regisseur, der 2009 für seinen dokumentarischen Animationsfilm «Waltz with Bashir» (Schindler: «ein Meilenstein der Animation») den Golden Globe gewann, wird in Baden eine Masterclass abhalten.

Laut Schindler werden 70 Prozent aller Regisseurinnen und Regisseure am Festival vor Ort sein. Es ist genau dieser Blick über die Schultern der Profis, der das Fantoche auch zu einem Hotspot der Animationsfilmbranche macht. Schindler betonte denn auch die zunehmende Bedeutung ihres Festivals für das Fachpublikum.

Doch das Fantoche ist für alle da, das beweisen auch die Zuschauerzahlen: 27'000 Besucher verzeichnete das Festival im letzten Jahr – Rekord.

Neben dem nationalen und internationalen Wettbewerb würden heuer auch überraschend viele längere Kurzfilme («eine Konsequenz des neu zusammengestellten Selektionskomitees», so Schindler) ins Kino locken.

Filme wie «Les hirondelles de Kaboul», der kürzlich in Cannes Premiere feierte, oder der Anime «Ride Your Wave» bieten laut Schindler einen Überblick über das aktuelle Animationsfilmschaffen in seiner ganzen Vielfalt.