Altersstarrsinn
Sie sind zwar alt, aber hey, sie atmen noch – dieser Alters-WG geht die Luft so schnell nicht aus

Gegen den Jugendwahn im Theater hat der ehemalige Kulturchef des Fernsehens, Adrian Marthaler, ein ungehöriges Theaterstück mit einem Ü70- Ensemble initiiert: «Addio Amor» führt die packendsten Schweizer Oldies zusammen.

Daniele Muscionico
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In der Alters-WG - mit Maja Stolle, Urs Bihler u.a. - herrscht das grosse Gähne. Das wird sich bald ändern.

In der Alters-WG - mit Maja Stolle, Urs Bihler u.a. - herrscht das grosse Gähne. Das wird sich bald ändern.

Valentin Hehli

Er brachte die Oper «La Traviata» in den Hauptbahnhof Zürich. Gewann als Programmdirektor des Schweizer Fernsehens mit seinen experimentellen Musikfilmen internationale Preise – nun lanciert er im Alter mit seinen Freunden erneut Ungehöriges: Adrian Marthaler versammelt die interessantesten Schweizer Ü70-Theaterschauspielerinnen und -Schauspieler auf einer Bühne.

Denn eine Beobachtung aus seinem früheren Tätigkeitsfeld stört den ex-Fernseh-Kulturchef beträchtlich: «In den Ensembles der Schweizer Theater herrscht ein Jugendwahn, vor allem bei den Frauen.» Stücke mit alten Menschen sollten auch von demselben gespielt werden, ist seine Meinung. Doch das ist selten der Fall. Die Schauspielerin der «Alten Dame» am Schauspielhaus Zürich etwa ist knapp 40 Jahre jung.

Adrian Marthaler, Produzent und Dramaturg von «"Addio Amor».

Adrian Marthaler, Produzent und Dramaturg von «"Addio Amor».

PD

Marthalers Initiative, unterstützt unter anderem von zwei Psychiatriepflegefachfrauen, einem Theatermann und einem Marketingspezialisten ist auch ein Manifest. Die Oldies des Abends machen klar: Wir sind zwar alt, aber hey, wir leben noch.

Hier glänzt Gold nur noch im Mund

«Alte Künstler sind nicht zwingend bessere Künstler», meint Marthaler. «Doch ihr riesiger Fundus an Leben, Erfahrungen und Wissen, auch an Leiden und an Sehnsüchten, macht sie spannend.» Und das sind die Beteiligten für wahr. Die meisten haben um die 80 Jahre alt auf ihrem Buckel und können auf eine grosse Karriere zurückblicken: Maja Stolle beispielsweise, einst Liebling des Basler Publikums; Siggi Schwientek, geschätztes Faktotum von Jossi Wieler und Frank Castorf; Urs Bihler, der mit Peter Brook und Peter Stein gearbeitet hat – und natürlich der Aargauer Charakterdarsteller Hansrudolf Twerenbold. Die realen Leben der Mitwirkenden sind in das Stück miteingeflossen, nach Gesprächen mit den Beteiligten brachte die Autorin Katja Früh das Material in seine Form.

«Addio Amor» heisst der Abend des Senioren-All-Star-Teams. Der Titel ist, Marthaler hat Musik inhaliert, ein Zitat aus zig Opernstoffen. In der Oper werden am laufenden Band verflossene Lieben betrauert, auf der Theaterbühne aber wird Abschied genommen vom Leben überhaupt: Doch das «Addio» hier wird nicht zur Jeremiade, sondern zum Fest.

Ähnlich dem Komponisten Verdi, der in Mailand mit der Casa Verdi ein Altersheim für Musikschaffende gründete, sieht Marthalers Plot eine Wohngemeinschaft für alte Künstler vor. Surreales wird sich dort ereignen, burlesk ist die Form, und das Ende wird apokalyptisch, das ist er seiner Fantasie schuldig: Marthaler, der ältere Bruder des Regisseurs Christoph Marthaler ist ein lebendes Beispiel eines wilden Alten. «Ich bin 74, und ich bin ein Verdränger, sagt er beim Kaffee, «ich bin nicht 74! Ich bin es einfach nicht.» Damit bezeugt er, dass es den Altersstarrsinn tatsächlich gibt. «Ja, man wird sturer im Alter, das ist so, man beharrt strenger auf seiner Überzeugung. Und das ist auch richtig. Es ist richtig, denn Sturheit verschafft ein gutes Gefühl.»

Musik sehen? Marthaler hat’s erfunden

Mit diesem Theaterabend, der alle Moden in den Wind schlägt – und der nächstes Jahr auf einer Tournee durch die ganze Schweiz zu sehen sein wird – knüpft Marthaler dort an, wo er beim Schweizer Fernsehen aufgehört hat. Er kreiert etwas, was es eigentlich nicht geben kann. Auf dem Höhepunkt seiner Fernsehkarriere war das die Vermittlung von klassischer Musik durch die Visualisierung von Musik. Musik sehen? Marthaler hat's erfunden. Seine Musikfilme verhalfen dem Schweizer Fernsehen zu kultureller Reputation.

Doch mit 74 Jahren braucht er keine kreativen Freiräume, die ihm damals der Arbeitgeber zugestand. Heute nimmt er sich selbst, was fehlt. Mit der Chuzpe von früher macht er Altersgebresten öffentlich und zeigt Körper, die ihre Blütezeit hinter sich haben. Menschen, die im Leben keine Rolle mehr spielen - spielen sie auf einer Bühne! Hinsichtlich Sexappeal ist «Addio Amor» das Schwarze Schaf des zeitgenössischen Schweizer Theaters. Wer wird es sich ansehen wollen? Nun ja, vielleicht jene, die früher oder später auch einmal alt sein werden. Und da kommt dann doch ein Haufen Betroffene zusammen.

«Addio Amor», ab 1. 12. Kulturmarkt Zürich, später u. a. in Winterthur, Chur, Baden, Aarau

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