Künzlis Playlist

Alternativ-Programm zum Heimweh-Kitsch

Der Hauptsänger von Heimweh, Beny Betschart, kann es auch anders.

Heimweh

Der Hauptsänger von Heimweh, Beny Betschart, kann es auch anders.

Jodlerchörli-Pop stürmt die Schweizer Hitparade. Dabei gäbe es so viel gute Volksmusik. Die beste Alternative kommt von Hauptsänger von «Heimweh» Beny Betschart. Mit dem Chor «Natur pur» singt er die schönsten und schrägsten Jüüzli.

Heimweh haben es mit ihrem Album «Blueme» geschafft, einen jodelnden Männerchor in die Hitparade zu bringen. Das ist bemerkenswert. Doch statt der billigen Version von Heimweh empfehlen wir in dieser Playlist vielmehr das Original von Polo Hofer und Tinu Diem von 2002. Auch die Ländler-Version von Polo mit der SF Husmusig aus einer Sendung «SRF bi de Lüt» 2010 ist (trotz Mitsänger Nik Hartmann) um Längen besser und origineller als die platte Hitparaden-Version. Der Erfolg von Heimweh macht immerhin deutlich, dass Schweizer Volksmusik wieder bei einem breiten Publikum angesagt ist. Aber wieso Heimweh, wo es so viel Besseres in der neu erwachten Schweizer Volksmusik-Szene gibt?

Polo Hofer - Blueme

Polo Hofer - Blueme

Zum Beispiel Ambäck. Die Kapelle mit dem Schwyzerörgeli-Weltmeister Markus Flückiger, Andreas Gabriel (Geige) und Pirmin Huber (Kontrabass) ist für Volksmusik-Professor Dieter Ringli das Beste, was die Schweiz heute an traditioneller Volksmusik zu bieten hat. Leider ist die Kapelle schlecht dokumentiert. Auf Spotify finden wir immerhin das Stück «Nünix», live aber ist die Band noch furioser, wie Mitschnitte auf Youtube beweisen.

Stöpsel 5 & Magdalendler

Stöpsel 5 & Magdalendler

Oder das Duo Albin Brun (Schwyzerörgeli/Saxofon) und die Akkordeonistin Patricia Draeger, die im Spannungsfeld von Neuer Volksmusik und Jazz musizieren und eine ganz eigene Volksmusik entwickeln. Weiter die famose Landstreichmusik von Mathias Lincke in «Altfrentsch unterwegs», die sich auf Ur-Formen der Appenzeller Streichmusik bezieht und dadurch einen neuen Zugang zur Tradition findet.

Das wirkliche Alternativprogramm zum faden Männerchor-Kitsch von Heimweh kommt ironischerweise von Beny Betschart selbst, dem Muotathaler Vorzeigejodler des Hitparaden- und Kommerzprodukts. Betschart ist nämlich auch die treibende Kraft in der sechsköpfigen Muotathaler Formation Natur pur, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Erbe ihrer Vorfahren im abgeschiedenen Tal zu erhalten: die eigentümlichen Jüüzli. Wie früher, spontan und in der freien Natur gesungen, klingt das manchmal wie Musik aus einer anderen Welt. Schräge Melodielinien und dissonante Harmonien. Ungeschliffen, rau, kantig, wunderbar anders. So nah und doch so exotisch. Und was vor allem Beny Betschart da als Vorjodler zeigt, ist ganz grosse Klasse. Weltklasse aus dem Innersten der Ur-Schweiz.

Naturjuuz - Natur pur

Naturjuuz - Natur pur

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