Locarno Festival
«Alle fummelten ständig an mir rum»: Meg Ryan spricht über ihre Abkehr von Hollywood

Die einstige Liebesfilm-Königin Meg Ryan erzählt im Gespräch mit der «Nordwestschweiz», warum sie Hollywood den Rücken kehrte und ein Comeback als Regisseurin wagte.

Lory Roebuck
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Meg Ryan (56) in Locarno: In den 90er-Jahren war sie eine der erfolgreichsten Schauspielerinnen, heute entwickelt sie eigene Filmprojekte.

Meg Ryan (56) in Locarno: In den 90er-Jahren war sie eine der erfolgreichsten Schauspielerinnen, heute entwickelt sie eigene Filmprojekte.

ALEXANDRA WEY/Keystone

Wir warten in einer Villa hoch über Locarno, die Aussicht durch die grossen Fenster ist atemberaubend, tief unter uns badet die Festivalstadt im Sonnenlicht. Und als Meg Ryan ankommt, strahlt alles noch ein bisschen heller.

Sie trägt ein langes, weisses Kleid, lacht übers ganze Gesicht, wirkt völlig unbeschwert. Die Zeit ist wie zurückgedreht, und wir fühlen uns an ihre grössten Filmauftritte erinnert: der im Restaurant vorgetäuschte Orgasmus in «When Harry Met Sally» (1989), das Aufeinandertreffen mit Tom Hanks im Hochhaus in «Sleepless in Seattle» (1993) und ihre digitale Flirterei mit Hanks in «You’ve Got Mail» (1998).

Ryan, heute 56 Jahre alt, war in den 90ern die Königin der Liebesfilme und eine der erfolgreichsten Schauspielerinnen der Welt. Man nannte sie «America’s Sweetheart». Und das war der Anfang vom Ende.

«Es war Regisseurin Nora Ephron, die diesen alten Begriff wieder einführte und auf mich anwendete», erzählt Ryan. «America’s Sweetheart! Ich weiss noch, wie ich dachte: Mist, jetzt habe ich ein Label. Ein Süsses zwar, aber Labels schränken dich brutal ein.»

Nach der Jahrtausendwende versuchte sie es abzustreifen und wagte sich an riskantere Filmrollen heran. Zum Beispiel an jene als Lehrerin, die sich im Erotikthriller «In the Cut» (2003) einem Frauenmörder hingibt.

Der Film sei wie eine Bombe gewesen, die in ihrem Leben vieles durchrüttelte, erinnert sich Ryan. «Regisseurin Jane Campion sagte zu mir: ‹Du spielst immer die Frau, die vom Ritter in der glänzenden Rüstung gerettet wird, das ist doch Quatsch!› Das hat mir die Augen geöffnet.»

Der Karriereknick

Das Kinopublikum aber verschloss seine Augen, der Film floppte an den Kinokassen gewaltig und Ryan steckte einen Karriereknick ein, von dem sie sich nie richtig erholte. «Die vielen negativen Reaktionen auf den Film damals haben mich überrascht», sagt Ryan. «Mir wurde erst dann klar, dass ich mich auf eine ganz bestimmte Art in den Köpfen der Zuschauer festgesetzt hatte, und dass dieser Film diesem Bild überhaupt nicht entsprach. Wir hätten das Publikum wohl warnen müssen: Wenn ihr eine romantische Komödie erwartet, dann seid ihr hier falsch.»

Zu spät. Der Zauber war weg, beim Publikum, aber auch bei Ryan. «Ich war müde, vieles nervte mich. Wenn du in der Filmindustrie anfängst, macht es dir nichts aus, dass du ständig herumkommandiert wirst und alle an dir rumfummeln. Jemand bringt dein Mikrofon an, jemand macht deine Augenbrauen, jemand kleidet dich ein. Doch irgendwann denkst du dir: Bitte, lasst mich endlich in Ruhe!»

Ryan zog einen Schlussstrich, siedelte drei Tage nach dem Schulabschluss ihres Sohnes von Los Angeles nach New York um und übte sich im Leben als Normalo. «Ich liebte es, dass ich in New York genau wie alle anderen auch um ein Taxi kämpfen muss. Diese Normalität tat mir gut. Mutter zu sein, nichts mehr über mich zu lesen, das alles gab mir wieder einen Boden unter den Füssen. Ich wollte nie, dass sich alles um mich dreht.»

Während des Gesprächs in Locarno fällt auch das Stichwort MeToo, Ryan spricht von einer Revolution in Hollywood, versichert aber, dass sie es mit allen Männern in ihrer Karriere ausschliesslich gut hatte: Tom Hanks, ein Witzbold; Hugh Jackman, ein richtiger Gentleman.

Das Comeback als Regisseurin

Wenn sie ihrem jüngeren Selbst einen Ratschlag erteilen könnte, sagt sie, wäre es folgender: Nimm nichts persönlich und lies keine Kritiken über deine Arbeit. Das sage sie auch immer wieder ihrem Sohn Jack Quaid, der inzwischen ebenfalls als Schauspieler arbeitet. «Doch eigentlich hat Jack meinen Rat gar nicht nötig. Er macht das gut, er hat bereits mit Scorsese und Soderbergh gedreht!» Der Stolz in ihrer Stimme ist nicht zu überhören.

Meg Ryan hat sich aus sicherer Distanz mit der Filmindustrie wieder versöhnt. Inzwischen entwickelt sie selbst Filmstoffe, 2015 führte sie beim Weltkriegsdrama «Ithaca» erstmals Regie. «Wenn du im Regiestuhl sitzt, hast du eine völlig neue Perspektive auf die Schauspielerei», schwärmt sie nun. «Alleine dadurch, dass du Einblick in den Casting-Prozess hast, lernst du, warum manche Darsteller zu einer Rolle passen und andere nicht. Und dass eine Absage nichts Persönliches ist.»

Als Nächstes möchte sie nun selbst bei einer Liebeskomödie Regie führen. Der Kreis schliesst sich. Und Ryan hat bei den Besten gelernt. «Nora Ephron sagte immer: Die besten Liebeskomödien haben eine zweite Ebene, sie sind immer auch Momentaufnahmen unserer Zeit.»

Ihr Film soll deshalb eine Liebeskomödie für das MeToo-Zeitalter werden, sagt Ryan. Man sagt, Liebesfilme seien ein aussterbendes Filmgenre. Doch wenn sie jemand wiederbeleben kann, dann wohl die Liebesfilm-Königin von einst.

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