Albert Camus
Neues Buch zeigt: Der Dichter des Masshaltens hörte bei der eigenen Beziehung nicht auf seine Lebenswahrheiten

Nobelpreisträger Albert Camus hat um die Zuneigung der Schauspielerin Maria Casarès gebettelt – und ihr Hunderte von Briefen geschrieben. Gesammelt lesen sie sich wie eine grosse Liebesgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Peter Henning
Drucken
Teilen
Die Schauspielerin und der Schriftsteller: Maria Casarès und Albert Camus auf einem Foto in den 1940er-Jahren.

Die Schauspielerin und der Schriftsteller: Maria Casarès und Albert Camus auf einem Foto in den 1940er-Jahren.

Bild: Camus/Casarès/Rowohlt

In Albert Camus’ «Tagebüchern» findet sich eine Liste seiner zehn Lieblingswörter: die Welt, der Schmerz, die Erde, die Mutter, die Menschen, die Wüste, die Ehre, das Elend, der Sommer, das Meer.

Überraschenderweise fehlt in dieser Aufzählung das Wort «Frauen», spielten sie doch für ihn privat – anders als in seinem literarischen Werk – eine herausgehobene Rolle.

In welchem Ausmass dies der Fall war, dokumentiert der nun auch auf Deutsch vorliegende, von Camus’ Tochter Catherine herausgegebene Briefwechsel zwischen ihrem Vater ­Albert und der spanischstämmigen Schauspielerin Maria Casarès – «der Einzigen», wie der Literaturnobelpreisträger von 1957 die neun Jahre Jüngere nannte, mit der ihn – neben anderen, weniger bedeutsamen Amouren – eine fünfzehn Jahre währende Liebesbeziehung verband.

Das erste Mal begegnet waren die beiden sich am 19. März 1944 in der Wohnung des Schriftstellers Michel Leiris, wo eine illustre Runde eine szenische Lesung des Picasso-Stückes «Wie man Wünsche beim Schwanz packt» veranstaltete. Unter ihnen neben Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir und Raymond Queneau auch Albert Camus, der an diesem Abend Regie führte. Man feierte hinter verschlossenen Türen das Leben und die Kunst, während draussen die von den Deutschen verhängte Ausgangssperre herrschte.

Im Publikum sassen neben prominenten Zuschauern wie Henri Michaux, Georges Braque, Jean-Louis Barrault oder Jacques Lacan die junge, zu dem Zeitpunkt ganze 22 Jahre alte Schauspielerin Maria Casarès, die eben am «Théatre des Mathurins» ihr gefeiertes Debüt in der Hauptrolle von Sygnes «Deirde of the Sorrow» gegeben – und nur Augen für Camus hatte.

Maria CasarèsSpanische Schauspielerin

Maria Casarès
Spanische Schauspielerin

Bild: Studio Harcourt, PD

Die Liebe auf den ersten Blick macht Camus zügellos bettelnd

Es ist von beiden Seiten ein klassischer Coup de foudre, Liebe auf den ersten Blick. Nachdem der Theaterregisseur Marcel Herrand ihr wenig später die Rolle in Camus’ neuem Stück «Le Malentendu» anvertraut, werden sie und der «Dichter des Absurden» während der Proben am 6. Juni, dem Tag der Landung der Alliierten in der Normandie, ein Paar. Camus ringt um Worte, als er das, was mit ihnen beiden geschehen ist, zu beschreiben versucht.

«Es gab einen Blitz, etwas, das durch uns hindurch gegangen ist, ein Blick …»

Am Ende sind es knapp 800 Briefe, die die beiden mit einer Unterbrechung von 48 Monaten in fünfzehn Jahren wechseln werden. Als mitreissendes Dokument einer der grossen Liebesgeschichten des 20. Jahrhunderts liegen sie nun gesammelt vor.

Allem voran zeigt sich Camus dabei von einer neuen, so noch nie offenbarten Seite, nämlich: wild und zügellos, fordernd und ungeduldig, bisweilen auf eine geradezu bittstellerhafte Weise um Nähe und Liebe bettelnd. Der Dichter des Masshaltens ist in Aufruhr, er schreit geradezu nach der Erwiderung seiner Gefühle:

«Du musst mich lieben! Liebe mich, denk viel an mich. Schreib oft und viel, lass mich nicht allein!»

Für Casarès ist er einmal «Gott», einmal ein «lieber Irrer»

Der Schriftsteller Uwe Timm kommentiert im Vorwort seine Verwunderung über die gänzlich neue Tonlage, in der Camus sich uns als Liebesbriefschreiber präsentiert, ebenso treffend wie lakonisch, wenn er bemerkt: «Die Briefe lesen sich wie von jemandem, der nie ‹Der Fremde› gelesen hat!»

Tatsächlich aber ist es genau dieser Widerspruch, der den Briefwechsel so spannend macht. Denn völlig anders als sein wohl berühmtestes literarisches Geschöpf Meursault – die pflanzenhaft agierende Adam-Figur, die in seinem Kurzroman «Der Fremde», umfangen von einer «zärtlichen Gleichgültigkeit», keine Fragen stellt und im Rhythmus von Meer und Sonne lebt –, zeigt Camus sich in seinen Briefen als verletzliches Geschöpf, das sich alles andere als gleichgültig den Verläufen des Schicksals überlässt. Schon gar nicht in der Liebe.

Mehr noch: Ohne sie, die Angerufene, so scheint es ihm, kann, ja, will er nicht mehr leben. Im September 1944 spricht er gar von Selbstmord, nach dem Maria sich nach etwas mehr als zwei Monaten fürs Erste von ihm abwendet.

«Wohin ich mich wende, sehe ich nur Nacht. Und ohne Dich habe ich meine Kraft nicht mehr. Ich glaube, ich möchte sterben.»
Schriftsteller Albert Camus an seine Geliebte

Schriftsteller Albert Camus
an seine Geliebte

Bild: Keystone

Es werden vier Jahre vergehen, bis die beiden sich – besagt die Legende – am 6. Juni 1948 per Zufall auf dem Boulevard Saint-Germain wieder über den Weg laufen – und von nun an «ernst» miteinander machen. Schnell werden sie zu Pariser Berühmtheiten. Doch immer wieder gibt es monatelange Phasen des Getrenntseins, auf die insbesondere Maria gereizt reagiert: Mal ist er «ihr Gott», dann «ihr lieber Irrer». Er nennt sie im Gegenzug sein «Krieg und Frieden».

Was sich in der Korrespondenz vor uns aufblättert, ist die faszinierende Doppelbiografie zweier Liebender, die sich in ihrer Liebes-Rhetorik bisweilen zu überbieten versuchen.

Und man kann nur staunen darüber, wie selbstverständlich Camus in der Manier eines Multiinstrumentalisten, der traumwandlerisch routiniert vom einen zum anderen wechselt, zu seinem kargen, von manchem Kritiker zu Recht als kristallin beschriebenen Stil zurückfindet, sobald er an seinen Romanen und Essays schreibt. Das Gefälle zwischen der Tonlage des Romanciers und jener des Liebesbriefschreibers frappiert!

Unbewusst liest man die Briefe auf Camus’ frühen Unfalltod hin

All das liest man wie mit angehaltenem Atem; aber auch mit einer bald ein­setzenden Wehmut, steht uns bei der fesselnden Lektüre all dieser Briefe doch mit jeder Zeile der am Horizont heraufdämmernde Unfalltod Camus’ am 4. Januar des Jahres 1960 vor ­Augen, auf den diese Korrespondenz ebenso unbewusst wie unaufhaltsam zustrebt.

Am Ende lässt sich das Material lesen als erhellender Postkommentar zu Leben und Werk des Autors, indem es uns vom «Gesamtkomplex Camus» eine völlig neue, faszinierend menschliche Seite offenbart.

Bild: zvg

Albert Camus/Maria Casarès: Schreib ohne Furcht und viel. Eine Liebesgeschichte in Briefen 1944–1959. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz, Andrea Spingler und Tobias Scheffel. Rowohlt Verlag. 1568 Seiten.

Aktuelle Nachrichten