Baden
Diese Bilder hat die Schweiz noch nicht gesehen: Mark Wallinger zeigt seine «Lockdown-Kunst»

Das Museum Langmatt holt den britischen Künstler Mark Wallinger nach Baden. Mit im Gepäck: Eine bunte Premiere.

Anna Raymann
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Mark Wallinger bringt «Action» in die Stube: Die «Action Paintings» strahlen eine sakrale Ruhe aus.

Mark Wallinger bringt «Action» in die Stube: Die «Action Paintings» strahlen eine sakrale Ruhe aus.

zvg/Museum Langmatt

Das Schweizer Publikum bekommt nicht oft Werke des britischen Grosskünstlers Mark Wallinger zu sehen. Und wenn, dann im Aargau.

Wallinger, das ist der mit den Pferden, er hat sie fotorealistisch gemalt («Race, Class, Sex», 1992) oder als Statue in Weiss und Schwarz in der Stadt und auf dem Feld aufgestellt. Zu Beginn seiner Karriere erklärte er ein echtes Rennpferd zum Kunstwerk. 2004 wandelte er, als zottliger Bär verkleidet, Nächte lang durch die Neue Nationalgalerie Berlin («Sleeper»).

Mark Wallingers Kunst ist aber längst nicht so harmlos, wie ein Zoobesuch. Im langsam herbstlich werdenden Park vor der Langmatt-Villa sucht man die Tiere denn auch vergebens, stattdessen stösst man im Museum auf expressiv-sinnliche Malerei. Museumsdirektor Markus Stegmann ist damit ein Coup geglückt – rund 14 Jahre nach Wallingers Einzelschau im Aargauer Kunsthaus.

Ein gemalter Tanz mit silbernem Glanz

Der Ausstellungsraum im Erdgeschoss wird von einem schillernden Wolkenband umrahmt oder eher noch – umarmt. Mal scheint die transluzent aufgetragene Farbe gelblich, dann sticht etwas Violett durch, nur um gleich darauf ins Silberne zu schlagen. Auf 180 Zentimeter, bei den grösseren auch 260 Zentimeter Breite ist das ein opulenter, fast barocker Auftritt.

Dabei liegt den grossformatigen «Action Paintings» eine Zerbrechlichkeit zu Grunde. Mark Wallinger hat sie mit den Händen gemalt, die Spuren der einzelnen Finger sind auf den zweiten Blick deutlich zu erkennen. Die so auf der Leinwand festgehaltenen Bewegungen eines malerischen Tanzes spiegeln die Proportionen des Künstlers: 180 Zentimeter misst in etwa die Spannweite seiner ausgestreckten Arme. Es ist eine abstrahierte, suchend tastende Befragung des eigenen «Ichs».

Ein bescheidener Provokateur

Das «Ich» hinter dem Werk, Mark Wallinger, wurde 1959 im südenglischen Chigwell als Sohn eines Fischhändlers geboren. Schon als Kind gab es Familienausflüge ins Ballett, ins Museum – und eben, mit dem Onkel, auf die Pferde-Rennbahn.

Der Brite Mark Wallinger stellt zurzeit in Baden aus.

Der Brite Mark Wallinger stellt zurzeit in Baden aus.

Alex Delfanne

Schliesslich studierte er Kunst, seine Eltern hätten ihn dabei stets unterstützt, zuerst an der Chelsea School of Art und dann am Goldsmiths College. Er zählt zur revolutionären Gruppe der Young British Artists (YBAs), deren bekanntester Vertreter ist einer der reichsten und skandalösesten Künstler, Damien Hirst. Wallinger tritt zwar bescheidener auf, weiss aber ebenso um Provokation: Nach seiner Installation «State Britain» in der Tate Gallery, für die er die von den Behörden abgebrochene Protestwand des Friedensaktivisten Brian Haw auf 40 Metern Länge im Museum rekonstruierte, erhielt er nicht nur viel Aufmerksamkeit, sondern 2007 auch den bedeutenden Turner Prize.

Bereits 2001 vertrat er Grossbritannien an der Kunstbiennale in Venedig. Langmatt-Direktor Markus Stegmann erinnert sich noch heute an die Präsentation. Gut 20 Jahre später zeigt er nun die Werke des Künstlers in seinem Haus. Mit dabei auch in der Schweiz noch nie gesehene Arbeiten.

Eine dringend nötige Kunsttherapie

Strahlt die Ausstellung im Erdgeschoss noch eine sakrale Ruhe aus, rückt in der oberen Etage alles etwas dichter zusammen – und das, obwohl die hier gehängten Bilder aus einer Zeit stammen, in der alles auf Abstand ging.

In seinen neuen Arbeiten rollt Mark Wallinger Plastilin, also Knete, auf Plakatgrösse aus (Proteus Painting 8, 2021).

In seinen neuen Arbeiten rollt Mark Wallinger Plastilin, also Knete, auf Plakatgrösse aus (Proteus Painting 8, 2021).

Damian Griffith / ProLitteris

Die Bilder sind ein direktes Produkt des strikten Londoner Lockdowns. Der Künstler, wie alle anderen auch, auf sich selbst zurückgeworfen, beschränkt sein neues Format auf Plakatgrösse, dafür kommen Farben hinzu. Sie scheinen auseinander herauszuquellen, sich dann wiederum gegenseitig zu verschlingen. In vielen Schichten hat Mark Wallinger Plastilin, also Knete, aufgetragen, ausgerollt und abgespachtelt. Man spürt darin das Handwerk, das Widerständige und, weil es dazu gehört, den Krampf. Eine «dringend nötige Kunsttherapie» nennt Wallinger diese «Proteus Paintings» in einer Mail an den Kurator. So nachzulesen in der bildstarken Ausstellungspublikation:

«Ich konnte in dieser Sache vollkommen aufgehen und mich in den kleinen Welten, die ich schuf, verlieren.»

Das wohnliche Ambiente in den tiefen Räumen, die blumige Tapete und der weitläufige Park vor dem Fenster empfangen die neuen Bilder wie Heimkehrer.

Die Langmatt-Villa überrascht regelmässig mit ihren Gästen: Rose Wylie im letzten Jahr, Renée Levy 2019, setzt nun Mark Wallinger eindrucksvoll seinen Namen auf diese Liste. Man sollte die Gelegenheit nutzen, seine Kunst hier zu besuchen.

Mark Wallinger: bis 11. Dezember. 20. September Gespräch mit Mark Wallinger und Markus Stegmann. Museum Langmatt.