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50 Jahre «Tatort»: Warum das erfolgreichste Krimiformat aller Zeiten nicht tot zu kriegen ist

Kulturkonsum ist in unserer hochfragmentierten Welt ein einsames Vergnügen geworden. Nur vorm «Tatort» wärmt sich der Mensch auch fünfzig Jahre nach der ersten Folge noch am Gemeinschaftsgefühl. Am 29. 11. feiert das Format seinen Fünfzigsten.

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Der «Tatort» als Grossereignis: 4000 Menschen verabschiedeten 2016 auf dem Stuttgarter Schlossplatz die Bodensee-«Tatort»-Kommissarin Klara Blum (Eva Mattes).

Der «Tatort» als Grossereignis: 4000 Menschen verabschiedeten 2016 auf dem Stuttgarter Schlossplatz die Bodensee-«Tatort»-Kommissarin Klara Blum (Eva Mattes).

Imago

Meine kulturellen Leidenschaften lebe ich wie viele Menschen derzeit zurückgezogen in meiner Online-Bubble. Auf meine von Algorithmen oder mit Zufallsklicks erbeuteten Filme und Songs bin ich zwar furchtbar stolz. Aber ich bin mit ihnen manchmal auch furchtbar einsam. Meine Bürokollegen und ich, so scheint es, leben in kulturellen Parallelgesellschaften. «Kennst du diese Serie?» «Nein, nie davon gehört.»

«Tatort»-Kommissar Paul Trimmel (Walter Richter) 1970 im ersten Fall «Taxi nach Leipzig».

«Tatort»-Kommissar Paul Trimmel (Walter Richter) 1970 im ersten Fall «Taxi nach Leipzig».

United Archives / Hulton Archive

Gibt’s denn nichts mehr, worüber man sich bei gleichem Wissensstand gleichzeitig ärgern oder freuen darf? Hat sich Kultur als Gesellschaftskitt überlebt? Es scheint so. Doch Halt! Ein gar nicht so kleines Fernsehformat behauptet sich seit fünfzig Jahren erfolgreich gegen die Vereinzelung und schenkt dem sterbenden Fernsehen bei jeder Folge durchschnittlich 10,145 Millionen Zuschauer. Die Krimireihe «Tatort», dieses föderalistische Unterhaltungsschlachtschiff, geschaffen von einem Dutzend Rundfunkanstalten aus Österreich, Deutschland und der Schweiz, ist der letzte Anker für Bürogespräche am Montagmorgen. 1145 Folgen wurden bis heute ausgestrahlt. Seit Kommissar Paul Trimmel am 29. November 1970 in der Folge «Taxi nach Leipzig» die ziemlich konventionelle Jagd auf Täter eröffnete, hat sich der «Tatort» für Generationen von Menschen als festes Sonntagsritual etabliert. In manchen Haushalten soll der «Tatort» sogar den traditionellen Kirchengang überlebt haben.

In so einer Liga spielt eigentlich nur noch der Fussball. Mit dem teilt der «Tatort» auch mehr, als man denkt: Fankult, Spieldauer (90 Minuten), die Bevorzugung regionaler Teams und das Randphänomen selbst ernannter Experten, die vor dem Fernseher, in den Feuilletons, auf Internetforen und in Kommentarspalten übertriebene Häme und Lob über ein durchschnittliches Krimiformat ausschütten.

Ein Format schreibt sich in Familiengeschichten ein

Hält den Dienstjahre-Rekord: Kommissarin Lena Odenthal, gespielt von Ulrike Folkerts.

Hält den Dienstjahre-Rekord: Kommissarin Lena Odenthal, gespielt von Ulrike Folkerts.

SWR

Als ich zu Beginn der Neunziger mit meinen Eltern «Tatort» zu schauen begann, war die heute dienstälteste Kommissarin Lena Odenthal aus Ludwigshafen (Ulrike Folkerts) anfangs dreissig. Die sportliche Odenthal stellte sich Folge für Folge der dunklen Seite der Macht, während «Friends» (R.I.P. 2004), «Mad Men» (R.I.P. 2015) und «Game of Thrones» (R.I.P. 2019) vor meinen Augen den Serien-Tod starben. Heute ist die Schauspielerin 59 Jahre alt und immer noch im Dienst. Und ich bin mit ihr erwachsen geworden.

Über einen so langen Zeitraum betrachtet, ist der «Tatort» wie ein kleines Biotop, in dem sich der Wertewandel unter dem Brennglas nachvollziehen lässt. Wer sich die erste Folge aus dem Jahr 1970 nochmals anschaut, erkennt: Die angeblich so normalen und immer selben Verhältnisse im «Tatort» sind keine Normen, die länger als ein paar Jahre Gültigkeit besassen. Die haarsträubenden Frisuren und riesigen Telefonscheiben, das behäbige Tempo der Dialoge, gesprochen von ältlichen Kommissaren mit braven Hausfrauen hinterm Herd haben nur noch wenig mit unserer Lebenswirklichkeit zu tun. Heute findet sich unsere multikulturelle und geschlechtergerechte Arbeitswelt in der steigenden Zahl der Teams politisch korrekt widergespiegelt.

Die Zauberformel: Vorurteile bedienen, Tabus vermeiden

Die deutsche Journalistin Jana Scheerer hat das Phänomen «Tatort» einmal mit einer Familienfeier verglichen. Man wisse eh, dass sie schlecht werde. Hingehen müsse man trotzdem. Das Bestätigen seiner Erwartungen in diesem durchschaubaren Format ist ein Erfolgsgeheimnis, das der «Tatort» mit quotenstarken Unterhaltungsshows wie dem «Bachelor» teilt. Der «Tatort», so der Philosoph Alfred Pfabigan, befriedige die Vorurteile seines Publikums und respektiere seine Tabus. So schafft er Akzeptanz auf Jahrzehnte.

Auf diese Berechenbarkeit angelegt hatte es der deutsche «Tatort»-Erfinder Gunther Witte durchaus, als er die Reihe nach dem Vorbild einer Nachkriegsserie, die ihre Plots auf wahren Polizeifällen aufbaute, für seinen damaligen Arbeitgeber, den Westdeutschen Rundfunk, erfand: regional verankerte, nah an der Realität gebaute Fälle, in denen aktuelle Gesellschaftsthemen verhandelt werden und die den Zuschauer auch belehren sollten. Heute finden viele die Idee vom TV als moralische Anstalt zwar ziemlich spiessig. Doch Wittes Projekt ist unbestritten das erfolgreichste deutschsprachige Fernsehprodukt aller Zeiten.

Seit Jahren die beliebtesten Kommissare der Reihe: Der narzisstische Gerichtsmediziner Professor Karl-Friedrich Boerne und sein vergammelter Kollege Frank Thiel aus Münster.

Seit Jahren die beliebtesten Kommissare der Reihe: Der narzisstische Gerichtsmediziner Professor Karl-Friedrich Boerne und sein vergammelter Kollege Frank Thiel aus Münster.

WDR

Natürlich verträgt so eine realitätsgetreue Abbildung unserer Lebensrealität keine filmischen Wagnisse. Sie verlangt eine konservative Regie und verlässliche Figuren mit erwartbarem Konfliktpotenzial wie das eingespielte Münsteraner Witz-Paar Prof. Boerne und Kommissar Thiel oder der zuverlässig mies gelaunte Faber aus Dortmund, diesen Clochard vom Dienst.

Und so ein Format braucht wie in der Religion ein paar unumstössliche Grundsätze. Als der frisch in den Hamburger Dienst berufene Schauspieler Til Schweiger es 2012 wagte, den seit Jahrzehnten gleichen Einspieler mit dem Fadenkreuz und der Musik von Klaus Doldinger in Frage zu stellen, geriet er selbst ins Fadenkreuz der Kritik. Die Filmbranche protestierte, Schweiger krebste zurück.

Wagen es ehrgeizige Regisseure trotzdem, mit verrückten Regie-Ideen gegen die starren Regeln zu rebellieren, etwa, indem sie aufs Drehbuch verzichten wie im Ludwigshafener «Tatort» «Babbeldasch» (2017), regnet es zwar Filmpreise und Lob von «Tatort»-übersättigten Kritikern. Das solide Kammerspiel, die Fallaufklärung nach dem «Wer-hat’s-getan-Prinzip» bleibt aber das Lieblingsmodell für die sich auf Seiten wie «tatort-fundus.de» tummelnden Fans.

Die Suche nach Geborgenheit

Und dieser Zuschauertyp scheint nie auszusterben. In den Nullerjahren erlebte der «Tatort» zwischen 9/11 und Finanzkrise einen regelrechten Boom. Ausgerechnet im Jahrzehnt, in dem das Internet seinen finalen Siegeszug antrat, wurde Public Viewing in «Tatort»-Beizen in Berlin und anderen Grossstädten zwischen Blümchentapete und Biedermeiersessel von einer jungen, hippen Generation zelebriert. Bis heute gibt es diese Stammtische, auch in der Schweiz. An ihnen wird deutlich, was wir in diesem konservativen und höchstens mittelmässigen Krimiformat suchen: Geborgenheit im Ritual, die Erinnerung an gemeinsam verbrachte Familienabende vor dem Fernseher, an denen sich noch keiner mit seinem Endgerät in die Ecke verziehen konnte.

Die Kritik zum ersten Teil des zweiteiligen Jubiläums-«Tatorts» finde Sie am 28.11. in der «Schweiz am Wochenende».