Gay-Pride-Festival

50 Jahre Stonewall-Aufstand: «Wir bitten und betteln nicht mehr um unsere Rechte!»

In New York steigt am 30. Juni das grösste Gay-Pride-Festival der Welt: 4,5 Millionen Menschen werden erwartet.

Am 28. Juni 1969 stürmte die Polizei die Schwulenbar «Stonewall Inn» in der New Yorker Christopher Street. In gewaltsamen Protesten setzten Schwule, Lesben und Transsexuelle sich erstmals zur Wehr. Es war die Geburtsstunde der modernen Homosexuellen-Bewegung und der Christopher-Street-Märsche. Zwei Männer, die vor 50 Jahren bei den Protesten dabei waren und zu Ikonen der Bewegung wurden, erinnern sich.

"Erst flackerten die Lichter, dann wurde es taghell und Polizisten stürmten ins Stonewall. Sie brüllten die Gäste an und stießen sie gegen die Wände. Zunächst war ich unter Schock, dann bekam ich Panik", erinnert sich Mark Segal an jene historische Nacht im Stonewall Inn, die sein Leben für immer verändern sollte. Der damals 18-jährige war erst sechs Wochen zuvor nach New York gezogen. Bis dahin hatte er in Philadelphia gelebt und gedacht, er sei der einzige Schwule in der 1,6 Millionen Einwohner-Stadt.

"Bis zu jener Nacht im Stonewall waren wir unsichtbar. Man konnte nur in ganz wenigen Büchern etwas über uns lesen. Und darin wurden wir als psychisch krank, kriminell und moralisch verdorben beschrieben", erzählt Segal 50 Jahre später.

Auch Tree, der damals wie heute wegen seiner Statur nur Tree – Der Baum – genannt wurde, war schon vor 50 Jahren Stammgast im Stonewall Inn. "Ich war damals 30 Jahre alt, aber meine Eltern wussten nicht, dass ich schwul war. Eltern haben ihre Kinder damals durch die Hölle gejagt, wenn sie es rausfanden. Sie haben ihnen Stromschläge verpassen lassen und sie in eiskaltes Wasser geworfen, um sie zu heilen. Das Stonewall war der einzige Ort, an dem wir mit Männern tanzen und wir selbst sein konnten", sagt der Mann, der 50 Jahre nach den Ausschreitungen als Barkeeper im Stonewall Inn arbeitet.

Das Stonewall Inn, bewacht von einem Polizisten. (Archivbild)

  

Von der Mafia kontrolliert

Heute tummeln sich in der Bar Homo- und Heterosexuelle, Transsexuelle, Dragqueens und Touristen aus aller Welt. "Das Stonewall ist für mich ein zweites Zuhause und ein Tempel. Es ist das Mekka aller Schwulen und Lesben", sagt Tree. Doch vor 50 Jahren wurde die Bar von der New Yorker Mafia kontrolliert.

Bei der berüchtigten Razzia am 28. Juni 1969 gegen 1.20 Uhr hatte Segal beobachtet, wie Polizisten vermeintlich reichen Gästen Geld abknüpften. Viele Barbesucher waren verheiratete Familienväter und Menschen, die ihre Sexualität nur heimlich ausleben konnten. Sie hofften, dass ihre Namen nicht publik gemacht würden, wenn sie die Polizisten bestachen.

"Als ich sah, wie die Polizisten völlig ungeniert Leute ausraubten, begriff ich, dass wir für sie nur Dreck waren!", sagt Segal. Als er mit einigen Dutzenden Männern und Frauen vor der Tür des Stonewall Inns stand, schlug seine Angst in Wut um. Auch Tree fühlte sich durch die anderen Protestierenden angestachelt.

"Ob ich Angst hatte? Nein, zur Hölle! Ich hatte den Spaß meines Lebens! Wir haben die Polizisten beschimpft, die sich in der Bar verschanzt hatten. Ein paar Leute rissen eine Parkuhr aus der Verankerung und benutzten sie als Rammbock, um die Tür aufzubrechen. Wir haben alles auf die Bar geworfen, was wir finden konnten, auch brennende Mülleimer", erzählt Tree 50 Jahre später in einer Kneipe in unmittelbarer Nähe des Stonewall Inns. Er ist heute 80 Jahre alt. Doch vor allem, wenn er von der Nacht seines Lebens erzählt, wirkt der massige Mann Jahrzehnte jünger.

Doch als mit Schlagstöcken bewaffnete Verstärkung eintraf, tat Tree das, was er bis dahin immer getan hatte, wenn es brenzlich wurde: Er rannte davon. Der 12 Jahre jüngere Mark Segal hingegen blieb. "Meine Angst war verflogen. In dieser Nacht beschloss ich: Ich werde Schwulen-Aktivist", berichtet Segal.

Noch in derselben Nacht schrieb der damals 18-Jährige auf Straßen und Wände: "Morgen Nacht: Stonewall!" Obwohl es Festnahmen und Verletzte gegeben hatte, traf Segal in den Nächten nach den gewaltsamen Ausschreitungen vor dem Stonewall Inn Gleichgesinnte, kurz darauf wurde er Mitbegründer der radikalen "Gay Liberation Front". "In den späten 60er Jahren gab es in Amerika viele gewaltsame Protestbewegungen. Schwarze, Latinos, Frauen, Kriegsgegner – alle kämpften für ihre Rechte. Mit den Stonewall-Ausschreitungen ist endlich auch die LGBT (Anmerkung: Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender)-Community aufgewacht. Aus dem Aufstand am Stonewall wurde eine Revolution. Wir haben die Christopher Street von der Polizei zurückerobert! Seit Stonewall bitten und betteln wir nicht mehr um unsere Rechte. Wir fordern sie laut und selbstbewusst ein. Wir sind nicht mehr unsichtbar! Und wir lassen uns nicht mehr von der Gesellschaft definieren. Wir definieren uns selbst", sagt Segal.

Die Razzia wurde so zu einem historischen Wendepunkt. "Vorher gab es in ganz Amerika weniger als 100 Menschen, die sich öffentlich dazu bekannten, schwul oder lesbisch zu sein. Der Aufstand hat unser Selbstbewusstsein massiv gestärkt", sagt Segal.

Ein Jahr nach den Ausschreitungen gehörte er zu den Organisatoren des ersten Gay-Pride-Marsches. Unter Pfiffen und Buhrufen marschierten damals einige Tausend Menschen von der Christopher Street zum Central Park. 50 Jahre nach dem Stonewall-Aufstand werden 4,5 Millionen Menschen zu den Feierlichkeiten in New York erwartet. Auch Schwulen-Ikone Madonna hat sich angekündigt. Segal wird auf dem Truck der Gay Liberation Front, Tree wird auf dem Wagen des Stonewall Inns an den Feierlichkeiten teilnehmen.

Und dennoch sieht Mark Segal, der heute Herausgeber der Philadelphia Gay News ist, seine hart erkämpfte Freiheit gefährdet. "Das Klima für alle marginalisierten Gruppen hat sich unter Trump dramatisch verschlechtert. Zwar kann man heute in den USA einen Partner des gleichen Geschlechts heiraten, aber in den meisten Bundesstaaten kann man dafür gefeuert werden. Das ist doch Wahnsinn", schimpft Segal.

Er befürchtet, dass Trump versucht, die Rechte der LGBT-Community zurückzudrängen und die Gemeinschaft wieder unsichtbar zu machen. So hatte das Außenministerium amerikanische Botschaften angewiesen, nicht mehr die Regenbogenflagge zu hissen. "Ich hoffe, dass nicht nur der schwule Botschafter in Berlin die Eier hat, sich dem zu widersetzen", sagt Segal kämpferisch.

Auch mit der Polizei geht Segal 50 Jahre nach der gewaltsamen Razzia im Stonewall-Inn hart ins Gericht. "Es wird immer noch eine alarmierend hohe Zahl von Transsexuellen ermordet und diese Morde und Verbrechen, die aus Hass gegenüber uns begangen werden, werden oft nicht richtig aufgeklärt. Macht endlich Eure Hausaufgaben, Polizei", fordert Segal.

Zwar hat die New Yorker Polizei sich vor wenigen Wochen auf einer Pressekonferenz offiziell für die Razzia im Stonewall Inn entschuldigt, doch Segal geht das nicht weit genug.  "Kommt zur Gay-Pride-Parade und entschuldigt Euch bei uns persönlich", verlangt der Aktivist.

Könnte sich ein gewaltsamer Protest wie der Stonewall-Aufstand in den USA wiederholen? Segal antwortet ohne Zögern. "Ja! Wenn die Regierung versucht, unsere Rechte wieder einzuschränken, passiert es wieder", sagt der Stonewall-Veteran und schickt gleich noch einen Appell an jüngere Aktivisten hinterher. "Versteckt Euch nicht hinter Euren iPhones und twittert! Geht auf die Straße! Wir müssen gegen diese Regierung kämpfen."

Mit der Unterstützung des kampferprobten Mannes der ersten Stunde der Bewegung dürfen die Jüngeren dabei rechnen. Segal: "Ich bin jetzt 68 Jahre alt, aber wenn es sein muss, bin ich wieder beim Aufstand dabei. Ich werde mein Leben lang Aktivist sein!"

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