So viel Stille war selten im Theater. Man hört den Hintermann schnaufen, hört, wie jemand fünf Reihen dahinter mit den Füssen scharrt. Stille muss man aushalten können. Denn auf der Bühne passiert: Nichts.

Oder: nicht viel. In der verwinkelten Gemeindesaal-Mehrzweckhalle, die Bühnenbildnerin Anna Viebrock in die Schiffbauhalle gebaut hat, sitzen vier Cellistinnen. Sie spielen ein Quartett, das durch Stille lebt. Es erinnert an Barock, aber Töne und Phrasen fehlen, als würden sie das meiste auslassen. Man meint, ein Motiv zu hören, als liesse sich in den Pausen eine Melodie erahnen.

Christoph Marthaler, der grosse Theatermacher, Ex-Direktor des Zürcher Schauspielhauses, 2002 unschön vom Stadtrat abserviert, im Herbst mit dem Internationalen Ibsen-Preis ausgezeichnet, hatte 2017 mit «Mir nämeds uf öis» eine triumphale Rückkehr am Schauspielhaus gefeiert.

Geschichte gibt es keine

Seine Schiffbau-Inszenierung ist sperriger. Trifft Marthaler einen sonst über Emotionen mitten ins Herz, ist in «44 Harmonies from Appartment House 1776» Dechiffrierung gefragt. Marthaler und sein Ensemble erkunden in acht Viertelstunden die Wirkung von Harmonien und die von John Cage verehrte Welt der Pilze, erklärt Schauspieler Ueli Jäggi im Prolog.

Was folgt, ist eine Choreografie aus Textversatzstücken und Musikzitaten. Handlung, Figuren und Geschichte gibt es keine. Im Mittelpunkt eine mystisch beleuchtete Ausgrabungsstätte. Ist es das geheime Reich der Pilze, welches Harmonie und Glück verheisst?

Die Schauspieler zeigen ein perfekt aufeinander eingespieltes Räderwerk, jeder Blick, jede Geste ist gesetzt. Doch die Textversatzstücke sind rätselhaft und unverständlich. Sprache ist bei Marthaler nur noch Klang.

Zentrum des Abends ist das Cello-Quartett, «44 Harmonies from Apartment House 1776» von John Cage in der Fassung für Streicher. Das Publikum erträgt die Stille kaum: Husten, ein unterdrückter Lachanfall, irgendwo fällt eine Brille zu Boden, einer stöhnt. Die Schauspieler auf der Bühne lauschen unbewegt.

Hinter den Fenstern glimmt Licht auf und wieder ab, als würde ein Tag vergehen und noch einer, eine Woche, ein Jahr – die Cellistinnen spielen und spielen, eine meditative Stimmung überkommt einen, und ja, was ist schon Zeit?

So wie John Cage philosophisch-spirituell an Musik herangeht, die Phänomene Zeit, Stille oder Überraschung auslotet, macht Marthaler das auf der Bühne. Cage wollte neues Hören evozieren. Marthaler setzt Stille in Bilder um. Cage sagte einmal, sobald man etwas tut, ist es nicht mehr ein Konzept, sondern ein Faktum. Bei Marthaler wird aus dem Faktum theatrale Ästhetik. Alle, die Marthaler und Cage lieben, werden Untertöne erkennen, die ganze Räume öffnen.

44 Harmonies from Apartment House 1776 bis 9. Januar, Schauspielhaus Zürich, Schiffbau (Halle).