Jubiläum
250 Jahre Hölderlin, Hegel und Beethoven: Was von den drei Genies bleibt

Der Dichter Friedrich Hölderlin, der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel und der Musiker Ludwig van Beethoven wurden 1770 geboren. Ihre prägende Erfahrung war die Revolution von 1789 und was aus ihr wurde.

christoph bopp
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Der Dichter Friedrich Hölderlin, der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel und der Musiker Ludwig van Beethoven.

Der Dichter Friedrich Hölderlin, der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel und der Musiker Ludwig van Beethoven.

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Das gleiche Jahr ihrer Geburt mag ein Zufall sein. Dass sie in der gleichen Epoche und gerade in dieser Epoche geboren wurden, macht sie zu einem bedeutsamen Trio. 1770, vor 250 Jahren, wurden Hölderlin, Hegel und Beet­hoven geboren. Für uns ist ihr gemeinsamer Bezugspunkt die Französische Revolution, für sie – 1789, als die Bastille gestürmt wurde, waren sie 19 – war es die Freiheit.

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«Freiheit» ist eines der seltenen Worte oder Begriffe, die sich nie in ihrer Bedeutung erschöpfen. Das klingt abge­hoben, meint aber nur, dass man zu wissen meint, was Freiheit sei und bedeute. Dabei ist Freiheit, weil auch das Politische mitschwingt, nicht nur untrennbar individuell-biografisch, sondern auch kontextuell-historisch. «Freiheit» mit 18 ist nie «Freiheit» mit 45. Und dass die historischen ­Umstände die Bedeutung prägen, dafür reicht – für unseren Fall – die Jahrzahl 1789.

Eine biografische Reminiszenz zur Erläuterung: 1968 oder kurz danach wurde uns das Aufsatzthema «Freiheit, die ich meine» aufgegeben. Zuvor ­Isaiah Berlins scharfsinnige Unterscheidung zwischen «Freiheit von» und «Freiheit zu» erklärt. Als gut gemeinte begriffslogische Beleuchtung in die Vorstellungsnebel in unseren Gehirnen, klar, aber auch als didaktisch-erzieherischer Mahnruf der Art: «Dass ihr euch auch etwas dabei denkt!»

Die Freiheit von 1789 war wirklich etwas ganz Neues

Was «Freiheit» für die 19-Jährigen des Jahres 1789 bedeutete, lässt sich nur vorsichtig erschliessen. Die Rede von der Freiheit war in aller Munde, gewiss, aber die Gefühle und Emotionen dabei bleiben für uns weitgehend Terra in­cognita. Beethoven schrieb 1793 einer Dame ins Stammuch:

Wohltun, wo man kann, Freiheit über alles lieben, Wahrheit nie, auch sogar am Throne nicht verleugnen.
Ludwig van Beethoven Komponist der Wiener Klassik

Ludwig van Beethoven Komponist der Wiener Klassik

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Am engagiertesten von den dreien hat sich Hegel um die Freiheit bemüht. Wenigstens in begrifflicher Hinsicht. In der Revolution sah er die «Morgen­röthe» einer neuen Zeit. Sie bot – wenigstens der Möglichkeit nach – dem Menschen an, sich die Umstände, in denen er lebte, endlich selbst zu machen. Freiheit als Freiraum zur Selbstverwirklichung.

Hegel sah Freiheit schon früh politisch. Bereits im Tü­binger Stift, wo er mit Hölderlin und Schelling zusammen in der gleichen Stube war, galt er als Revolutionär, ­beschäftigte sich aber vorwiegend mit Verfassungen. Freiheit, ein Recht für alle Menschen – durchaus mit Betonung auf «Recht».

Bereits die Autoritäten des Tübinger Stifts klagten über den unseligen «Freyheits-Schwindel», der den geistlichen Nachwuchs angesteckt habe. Freiheit wird von der Autorität ja meist nicht einfach negiert, sondern nur kritisiert, dass man da etwas falsch verstanden habe.

Niemand wird bestreiten, dass der Gedanke, die eigene Freiheit höre dort auf, wo die des Nächsten beginne, wahr ist. Kaum einer hat diesen Gedanken tiefer ausgelotet als Hegel in seiner «Phänomenologie des Geistes». Wenn das Selbst seiner selbst bewusst wird, tritt der Andere unweigerlich hinzu.

Dieses Phänomen des «Ich im Wir» hat Hegel gedreht und gewendet, nicht zuletzt um die Enttäuschungen der 1790er-Jahre zu verstehen, als die Französische Revolution in die Schreckensherrschaft entgleiste.

Schöne Träume von Freiheit und hartes Anstossen im Leben

Die Jahre um 1800 brachten auch einen grossen Umbruch im «Kulturbetrieb». Am radikalsten erfuhr ihn Beethoven, er meisterte ihn aber auch am besten. Hart traf es die Stiftler Hegel und ­Hölderlin. Für sie wäre eigentlich das Pfarramt vorgesehen gewesen, aber dahin wollten beide auf gar keinen Fall. Hegel schaffte es immerhin, nach ­langen und teilweise schmerzlichen Umwegen, auf eine Professur. Hölderlin scheiterte.

Friedrich Hölderlin Deutscher Dichter und Lyriker

Friedrich Hölderlin Deutscher Dichter und Lyriker

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Die Literaten- und Dichterlaufbahn war damals nicht zuletzt aus Gründen der Konkurrenz keine ein­fache. Es gab einen Markt für Dichtung, und es gab Stars. Hölderlin war wahrscheinlich als Dichter zu gut und als Literat sich selbst gegenüber zu anspruchsvoll, um auf dem Markt zu ­reüssieren. Dazu fehlte ihm der soziale Rückhalt, um mit Krisen umzugehen. Er war allein.

Unglücklich war er nicht. Er fühlte Momente des Glücks eher stärker
als andere. Das war für ihn das Gött­liche. Allerdings musste er seine Selbststilisierung als «Mittler» zwischen den oberen Mächten und «dem Volk» revidieren. Es konnte nicht sein, «dem Volk ins Lied gehüllt die Gabe zu reichen», wie er in einem Fragment beschrieb. Das war zu viel. Er musste sich beschränken, solchen Momenten «eine Sprache zu geben»: «Dass, wenn die Stille kehrt, auch eine Sprache sei», dichtete er in der «Friedensfeier».

Der Musiker, der auf einmal etwas mitzuteilen hat

Beethoven in Wien kämpfte mit ähn­lichen Problemen. Der Sturz des Adels und der Höfe hatte – auch wenn er in den deutschsprachigen Gebieten Europas nicht realiter stattfand – das Musikerlebnis verändert. Bisher war Musik entweder an – meist sakrale – Rituale gebunden gewesen, jetzt hatte sie sich verselbstständigt. Haydn und Mozart spürten es, Beethoven wusste es: Die Musik wurde von der Beglei­terin des Lebens zu ihrer Ausdrucksform.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel Philosoph des deutschen Idealismus

Georg Wilhelm Friedrich Hegel Philosoph des deutschen Idealismus

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Der Musiker konnte nicht mehr einfach «eine Form er­füllen», sondern man erwartete von ihm ein Statement. Musik inszeniert sich selbst. Eine Sinfonie mit einem Septakkord zu beginnen oder mit zwei Paukenschlägen, das ist mehr als nur die Marotte eines Genies. Das Arpeggio mit Rezitativ zu Beginn der «Sturm»-Sonate ist wie – man entschuldige den Ausdruck – das Räuspern vor einer Rede.

Beethoven will uns etwas sagen. Und wir sollen zuhören. Was es ist, das müssen wir herausfinden. Hölderlin will uns auch etwas sagen. Wie es auch sein könnte – nicht in der Stille, sondern im Lärm unserer Zeit. Und Hegel? Auch bei ihm gibt es noch wichtige Einsichten zu holen.