Mode
100 Jahre Büstenhalter: Züchtig gedacht, als Sexsignal wirksam

Kaum ein anderes Bekleidungsteil hat das Leben der Frauen mehr verändert. Einst nur als Notlösung gedacht, ist der BH der wohl fundamentalste Beitrag der Mode zur Kulturgeschichte der Weiblichkeit.

Silvia Schaub
Merken
Drucken
Teilen
Wechselvolle Geschichte: Der Büstenhalter wird 100
8 Bilder
Der erste Büstenhalter von Hautana (1912)
Madonnas Skandal-Busen (1985)
Eva Herzigova mit dem Push-Up-Wonderbra (1984)
Der BH als politisches Symbol: Hier für die «Aktion BH» vor dem Bundeshaus.
Kunst: Objekt 1998 hat die Kuenstlerin Brigitta Luther ihr Buestenhalter-Korsett getauft.
Gisele Bundchen trägt den Diamanten-BH von Victoria's Secret
Büstenhalter aus Metall

Wechselvolle Geschichte: Der Büstenhalter wird 100

Keystone

In Notsituationen tut Frau manchmal die merkwürdigsten Dinge. Wie zum Beispiel Kate Winslet: Als es im Ferienhaus des Hollywood-Stars brannte, wollte sie erst ihren BH anziehen, bevor sie ihre Kinder in Sicherheit brachte. Sie liess es dann doch bleiben und rettete noch weiteren Menschen das Leben. Darüber kann die Schauspielerin heute nur lachen. Doch die Episode zeigt, wie wichtig das kleine Kleidungsstück für manche Frau sein kann. Schliesslich ist der Büstenhalter wohl der fundamentalste Beitrag der Mode zur Kulturgeschichte der Weiblichkeit.

Als Notlösung entstanden

Dabei war er einst nur als Notlösung gedacht. Anfang des letzten Jahrhunderts, als sich Frauen in besseren Kreisen noch mit Korsetts abplagten, bastelte die New Yorkerin Mary Phelps-Jacobsen zu ihrem Debütantenball aus Tüchern und Bändern einen Büstenhalter, der ihre Brüste bedeckte – und vor allem bequem sein sollte. Die Idee Büstenhalter statt Korsett war geboren. Auch Sigmund Lindauer aus Stuttgart-Bad Cannstatt hatte fast gleichzeitig dieselbe Idee und liess am 3. November 1912 erstmals Büstenhalter in Serie produzieren. Die Geschichte des fixierten Busens geht indes bis in die chinesische Ming-Dynastie zurück. Und in diesem Jahr wurde der massgeblich älteste BH im Osttirol aus dem 15. Jahrhundert gefunden.

Massentauglich wurde er freilich erst mit der schwäbischen Variante. Verantwortlich für den Siegeszug war der Erste Weltkrieg. Stoffknappheit, Arbeitskräftemangel und die neue Selbstständigkeit der Frauen, die ihre Männer in der Fabrik und auf dem Feld ersetzen mussten, sorgten dafür, dass das Korsett und Unterröcke bald der Vergangenheit angehörten. Mit dem knabenhaften Idol der «Garçonne» kam in den 1920er-Jahren ein BH-Typ in Mode, der sämtliche Rundungen platt machte.

Seither variiert das Ideal, je nach vorherrschendem Zeitgeist, zwischen mütterlich kugelig, androgyn flach oder divenhaft auseinanderstehend. Vorbild für die dritte Variante waren Hollywoodschönheiten wie Marilyn Monroe, Liz Taylor oder Sophia Loren, was die Dessous-Industrie gehörig ankurbelte.

Natürlich mochte diese Zurschaustellung des Busens nicht alle Frauen begeistern. Feministinnen von 1968 erkannten, dass auch ein Busen in einem BH noch ein eingesperrter Busen ist – und rissen sich das für sie so chauvinistisch aufgeladene, böse Dessous vom Leib, verbrannten es öffentlich und prognostizierten damit den Untergang des BHs. Und auch Gesundheitsfanatiker fanden allerlei Ungemach an den Büstenhaltern. Sie würden die Lymphbahnen und Drüsen des Busens quetschen, zu Stauungen und Schulterverspannungen führen sowie Rippen einengen.

Aufpolsterungswelle

Doch all die Ketzer hatten sich zu früh gefreut, auch wenn die Diskussionen dem an sich praktischen Kleidungsstück seine Unschuld nahm. Mithilfe von neuen Materialien wie Elastan und viel bunter Spitze sowie bahnbrechenden Erfindungen wurden in den 1970er-Jahren neue Modelle entwickelt und erst recht ein Boom ausgelöst. Zumindest in der westlichen Welt. Denn weltweit gibt es noch 70 Prozent BH-lose Frauen. Noch viel Potenzial für die Branche.

Und wo stehen wir heute? Ziemlich weit weg vom ursprünglichen Anspruch eines BHs, für mehr Bewegungsfreiheit zu sorgen. Eingeläutet hatte diesen Trend 1984 die amerikanische Marke «Wonderbra». Kein Wunder verursachte das Model Eva Herzigova im neuen Push-up-BH reihenweise Blechschäden, weil die Autofahrer ihren Blick nicht mehr rechtzeitig von den grossformatigen Plakaten mit Frau Wonderbra lösen konnten.

Inzwischen bringen die meisten Frauen ihren Busen mit raffinierter BH-Technik in Form. Und das heisst vor allem mit viel Material vor der Hütte. Wenn wir uns also mal kurz auf die Brust klopfen, dann treffen wir in erster Linie auf eine Schicht Schaum oder 3-D-Gewirke. Das Prinzip Fotoshop erobert das echte Leben: Da wird gepusht und gepaddet. Eine wahre Aufpolsterungswelle überschwemmt uns. Brüste sollen anziehend, aber züchtig wirken, vor allem aber formvollendet. Mindestens zwei Drittel des Sortiments sind inzwischen irgendwie aufgepolstert. Wer sich heute einen ganz natürlichen BH kaufen will, muss weit suchen. Aber es ziemt sich schliesslich auch nicht mehr, dass sich Brustwarzen unter der Bluse abzeichnen – ausser es handelt sich um Models auf dem Laufsteg.

Nur oberflächlich freizügiger

«Wir betrachten unsere Körper zunehmend als Objekte, an denen wir meisseln und arbeiten müssen», schreibt die britische Psychologin Susi Orbach in ihrem jüngsten Buch «Bodies – Schlachtfeld der Schönheit». Diese Beobachtung teilt auch Modetheoretikerin Birgit Haase, die sich angesichts des neumodischen Optimierungsaufwands für Brüste an die Belle Epoque erinnert fühlt. «Damals trugen Frauen Korsetts, um den Körper zu einem Ideal zu formen. Heute lassen sich die Frauen operieren oder kaufen eben Push-up-BHs», sagt sie in der Zeitung «Der Welt». Nur oberflächlich sei alles freizügiger als früher. «In Wirklichkeit geht es darum, die Natur in die Schranken zu weisen.» Womit wir wieder beim Anfang der BH-Geschichte wären.