Analyse

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Die letzten vernünftig Gebliebenen, die Alten.

Die letzten vernünftig Gebliebenen, die Alten.

«Man kann das kindische Getue überall nicht mehr ertragen. Und erholt sich davon bei den letzten vernünftig Gebliebenen, den Alten.» Eine Analyse von Max Dohner zur gegenwärtigen Welle von Filmen und Werbeclips über Alte mit Würde.

Der grosse Hut war auffällig. Er warf einen Schatten wie ein halber Wald. Aber der Hut stand ihr gut. Auf ein Kompliment hin sagte sie: «Er verdeckt meinen Zerfall.» Die Dame ist 60 plus. Wäre sie jünger, hätte sich das Kompliment kaum auf den Hut bezogen – ja. Trotzdem gab es keinen Anlass, gleich auf «Zerfall» zu verweisen. Die Dame hatte auf souveräne Weise ihre Schönheit verloren und bewahrt: Indem sie die Jugend sozusagen durchscheinen liess, aber nicht kaschierte, wie bedauerlich dieser Verlust war, schon gar nicht leugnete mit Schönheits-OPs.

Alter und Würde – das scheint gegenwärtig ein grosses Thema zu sein. Und still schlich sich offenbar, parallel dazu, der Jugendlichkeitswahn davon. In den Kinos sind eine ganze Reihe von Filmen zu sehen, die das würdige Altern zum Thema haben – oder die richtige Art, zu leben.

Abstand zu sich selber

Da wäre etwa «A Walk in the Woods»: Zwei zerknitterte hinkende Helden (Robert Redford und Nick Nolte) begeben sich auf eine letzte abenteuerliche Wanderung durch die Wildnis, Nostalgie-Trapper in der Falle der Selbst-Überschätzung.

Oder «Der Praktikant» mit Robert De Niro: Ein Kavalier alter Schule – adrett frisiert, mit Brille und Krawatte – lässt sich einstellen in einer legeren Internetkleiderfirma und erarbeitet sich Stück für Stück den Respekt seiner Kollegen und das Vertrauen der jungen Firmenchefin (Anne Hathaway). In einer Szene sagt diese zu drei dicklichen Kumpeln ihres Alters: «Wie konnten Männer in nur einer Generation von Typen wie Jack Nicholson und Harrison Ford zu solchen Figuren absinken?» De Niro steht daneben und lächelt sein zeitlos schiefes Lächeln.

Am meisten Selbstironie, ja Mut gegenüber dem eigenen Zerrbild und Zerfall beweist indes ein Mann, dem wir so etwas nun überhaupt nicht zugetraut hätten: Diego Armando Maradona, «die Hand Gottes».

Und das in drei Szenen des Spielfilms «Youth», von denen mindestens die erste unvergesslich bleiben wird. Da, wo Maradona, enorm verfettet, im Hotelpool planscht, nicht schwimmt. Gleichwohl verliert er den Atem, winkt zwei Betreuern mit letzter Kraft und seiner schlanken Frau. Sie hieven den Koloss auf einen Lehnstuhl, wo Maradona augenblicklich zur Sauerstoffflasche greift.

Hier hat Maradona, der Fussballgott, sogar den Schauspielgott Marlon Brando übertrumpft, den Jugendbeau, der sich in seinen letzten Filmen nicht gescheut hatte, als Nilpferd durch die Kulisse zu pflatschen. Bei Maradona stellt sich etwas Erstaunliches ein: So unförmig er geworden ist, ein wankender Wal, so lächerlich seine frühere Grossmannsucht gewirkt hatte – so rasch fällt das jetzt ab und wendet sich ins Gegenteil: Jetzt zollt man dem Mann höchsten Respekt.

Etwas kann man offenbar hinüberretten ins Alter, was spät erst eigentümliche Kraft gewinnt: Abstand zu sich selber. Auch Befreiung von sich selbst. Verzicht auf wichtigtuerische Faxen, auf Gerede, Gestelze, das falsche Gebalze. Es ist – mit einem Wort – der Verzicht auf alles Künstliche. Denn das Natürliche, so unansehnlich es erscheinen mag, ist letztlich niemals hässlich. Wichtiger noch: letztlich niemals ohne Würde.

Ist es Zufall, dass derart viele Filme ein ansehnliches Bild vom Alter zeichnen? Geraten nur Hollywoods Altstars in den Gerontoschatten oder die Gesellschaft insgesamt? Ein «wachsendes Kundensegment» sind die Alten schon lange. Aber langsam sieht man nicht nur ihre gewöhnlich pralle Geldbörse, sondern erkennt auch den Wert dahinter: eine Lehre fürs allgemein Menschliche.

Welt voller fauler Zauber

Die Bank UBS schaltet in diesen Tagen überraschend witzige Spots zur Botschaft: Das Alter beginnt früher, als man meinen könnte. Ein Herr muss etwa im Internet seinen Jahrgang eintragen. Anfangs vergnügt scrollt er runter, auf der Suche nach seinem Geburtsjahr, immer weiter, immer tiefer und wird dabei mit jeder Sekunde depressiver. Und gleichzeitig bleibt er komisch.

Die Welt heute ist voll faulen Zaubers. Das wäre halbwegs noch erträglich, käme dieser falsche Zauber nicht so kindisch daher: Yuppie/Supi! Vernünftige Geister können es nicht mehr hören. Doch zwischen 20 und 60 klafft ein Graben von nur graduell verschiedenen Adoleszenten. Erst bei den Alten kommt alles ins Lot und wird vernünftig. Vorausgesetzt, sie haben mit Blick auf schöne Reife gelebt. Richtig erwachsen sind dann nur sie. Auf charmante Art traurig-heiter.

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