In keiner alten Demokratie in Europa dürfen sich Rechtspopulisten über so viele Stimmen freuen wie in Österreich. Das war schon vor der Flüchtlingskrise so.

Wer an «rational choice» glaubt, also zuversichtlich ist, dass Menschen letztlich gemäss ihren Interessen entscheiden, kommt hier nicht weit.

Gewiss, die Arbeitslosigkeit steigt – wenn sie auch kaum über der Hälfte des EU-Durchschnitts liegt. Ein leichter Modernisierungsrückstand hat sich aufgestaut – zu Deutschland, mit dem sich Österreich stets heimlich vergleicht. Aber das passiert immer wieder mal, und vor zehn Jahren war es noch andersherum.

«Die da oben» und «wir hier unten»

Wien ist wahrscheinlich die lebenswerteste Metropole der Welt. Wien ist auch nicht Dresden: 49 Prozent haben hier einen «Migrationshintergrund».

Selbst wenn man die Deutschen herausrechnet, sind das immer noch mehr als in jeder deutschen Grossstadt. Bei der Integration von Zuwanderern allerdings steht Wien tatsächlich nicht besonders gut da. Wer etwa schwarz ist, kehrt hier Müll oder verkauft Zeitungen; einen Afrikaner mit Krawatte trifft man höchstens in einer Botschaft.

Schuld daran sind aber ausgerechnet die Partei und ihre Wähler, die das «Scheitern der Integration» am lautesten beklagen. Jeder Integrationsschritt, jeder kostenlose Deutschkurs, jede Öffnung des Arbeitsmarkts, jeder Förderunterricht, jeder schwarze Polizist lässt die Rechtspartei wegen angeblicher Bevorzugung der «Fremden» kräftig aufjaulen. Sie trifft bei den Wählern damit einen Nerv.

In Österreich, sogar im urbanen Wien, ist das bürgerliche Element mit seinem Selbstbewusstsein – und seiner Selbstzufriedenheit – traditionell schwach. Im ländlichen und proletarischen Mainstream überwiegt ein infantiles Bild von Gesellschaft und Politik – mit «denen da oben» und «uns hier unten». Man stellt sich die Gesellschaft wie eine autoritäre Familie vor.

Die Grossen, das sind die Eltern – und tatsächlich treten die herrschenden Parteien SPÖ und ÖVP seit eh und je auch wirklich als unzertrennliches Paar auf. Deshalb bleibt es auch ohne Wirkung, wenn allerlei Autoritäten, der Herr Professor, der Herr Kardinal, der erfolgreiche Unternehmer, gegen Angstmache und Rechtspopulismus auftreten. Sie ordnen sich damit nur bei «denen da oben» ein.

Zuwanderer, so hat der Klagenfurter Psychoanalytiker Klaus Ottomeyer diagnostiziert, sind in dieser Familienaufstellung die kleinen, nachwachsenden Geschwister, die von den Eltern viel zu viel Aufmerksamkeit kriegen.

Die werden gefüttert und gestreichelt – und uns, die wir doch immer so brav waren, spucken die Grossen auf den Kopf, machen sich sogar noch über uns lustig, wenn wir uns ärgern. Eifersucht und Kränkung sind der Kern des spezifisch österreichischen Wutbürgergefühls. FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache, wie früher Jörg Haider, ist in dieser Konstellation der freche grosse Bruder, der sich was traut, den Eltern entgegentritt und uns mittlere Geschwister beschützt.

Die Masche läuft seit fast 30 Jahren. Damit sie funktioniert, muss es immer Eltern geben; setzt der grosse Bruder sich an ihre Stelle, was man angesichts der jüngsten Wahlergebnisse nicht ausschliessen kann, zerfällt die Konstellation und endet so kläglich wie die siebenjährige Regierungsbeteiligung der FPÖ zu Anfang des Jahrhunderts.

Autoritäten sind dazu da, dass man über sie mault und es ihnen ordentlich zeigt. Für einen Kanzler Strache gibt es aus dem Dilemma nur einen Ausweg: Neue Eltern suchen, möglichst im «Ausland»! Dass aber etwa Angela Merkel oder Jean-Claude Juncker diese Rolle spielen würden, muss man angesichts ihrer Zurückhaltung gegenüber dem rasenden Rechten Orbán in Ungarn bezweifeln.

Zur Not warten die Grünen

Dass diese Masche bei einer Mehrheit funktionieren würde, darf man bezweifeln. In den Schulen, erst recht an den Universitäten, haben die Rechten keine Bataillone. Und auch im Öffentlichen Dienst sind sie, ausser bei der Polizei, schwach vertreten.

Eine Mehrheit, wenn auch eine knapper werdende, weiss, dass die Rechten ausser Ressentiments nichts zu bieten haben – keine Konzepte, keine Alliierten, keine zusätzlichen Mittel. Für die Normalo-Parteien bedeutet das: Weitermachen.

Wien hat gezeigt, dass Standfestigkeit sich auszahlt. Selbst wenn die Grosse Koalition im Bund eines Tages keine Mehrheit mehr hat, stehen als dritter Partner die Grünen bereit. Es ist keine charmante Lösung. Aber aussichtsreicher als das gescheiterte Modell einer FPÖ-Regierungsbeteiligung ist sie allemal.