Analyse

Der Balkan-Graben in der Schweizer Nati - die Probleme liegen tiefer

Der Schein einer vereinten Mannschaft trügt: Das Nationalteam ist gespaltener denn je.

Der Schein einer vereinten Mannschaft trügt: Das Nationalteam ist gespaltener denn je.

Die Schweizer Nati ist gespalten in eine «Ur-Schweizer"- und eine Balkan-Fraktion. Interessant: Niemand der Direktbetroffenen bestreitet in einer Absolutheit, dass es diesen Graben gibt. Eine Analyse zum Balkan-Graben und seinen Folgen.

Beginnen wir mit einem virtuellen Rundgang. Wir tauchen ein in die Tiefen des Internets. Durchforsten Social Media. Wir sehen Hunderte Bilder von Spielern der Schweizer Nationalmannschaft. Mal jubelnd nach einem Sieg in der Garderobe. Mal lachend auf der Reise im Flugzeug zu einem wichtigen Spiel. Mal völlig entspannt an einem Abendessen wie dieser Tage in Wien. Es sind private Bilder, welche die Stars selbst ins Netz stellen.

Es heisst, Bilder sagen mehr als tausend Worte. Das stimmt nicht immer. Und schon gar nicht taugen sie als absoluter Beweis. Aber Bilder sind ein guter Indikator für eine Tendenz. Und diese Tendenz lautet: Auf den Bildern ist entweder eine Gruppe von Schweizern mit Migrationshintergrund zu sehen. Oder eine Gruppe von Schweizern ohne Migrationshintergrund. Aber nur sehr selten sind die Gruppen gemischt.

Die Frage nach «gut» und «böse» greift zu kurz

Gestern hat die «Schweiz am Sonntag» das Thema Balkan-Graben im Schweizer Nationalteam aufgegriffen. Die Reaktionen von Direktbetroffenen reichen von «Volltreffer!» bis «etwas gar drastisch formuliert». Interessant aber: Niemand bestreitet in einer Absolutheit, dass es diesen Graben gibt. Dafür sind die Fakten zu offensichtlich. Was sind denn die Fakten – und was bedeuten sie im Hinblick auf die EM für das Schweizer Team? Seit einiger Zeit schwelt innerhalb des Teams eine Diskussion über Integration ins und Identifikation mit dem Nationalteam. Es geht um mehr als nur die Frage: Singen alle Spieler die Nationalhymne? Es gibt Spieler ohne Migrationshintergrund, die sich an gewissen Vorgängen im Nati-Alltag stören. Spieler, die sich plötzlich nicht mehr zu hundert Prozent willkommen fühlen – im eigenen Nationalteam. Das ist besorgniserregend.

Zunächst einmal gilt es, eines festzuhalten: Es geht in dieser Graben-Frage nicht darum, zu definieren, wer die Bösen sind und wer die Guten. Es ist auch logisch, dass es in jedem Team verschiedene Gruppen gibt. Das ist im Profisport genauso wie im Amateur-Bereich. Aber es geht darum, dass sich die verschiedenen Gruppen, so unterschiedlich sie auch sein mögen, immer zu hundert Prozent respektieren. Und darum, dass sie auf dem Platz alles dem Erfolg unterordnen, sich füreinander zerreissen.

Genau hier liegt das Problem. Bei der Schweizer Nationalmannschaft gibt es Auffälligkeiten, die vermuten lassen, dass die Probleme tiefer liegen. Wer die Körpersprache und das Gestikulieren während einiger Spiele beobachtet, stellt sich Fragen. Ist hier wirklich ein Team am Werk, bei dem jeder für den anderen durchs Feuer gehen würde?

Klar ist: Solange der Erfolg da ist, sind Meinungsverschiedenheiten oder persönliches Wohlbefinden zweitrangig. Solange das Team gewinnt, stellt niemand Fragen. Die Schweiz befindet sich derzeit in einer wegweisenden Phase. Die Qualifikation für die EM ist geschafft. Aber selbst in der Mannschaft – ausser bei Trainer Vladimir Petkovic – ist das dominierende Gefühl: Pflicht erfüllt, mehr nicht. Spiele wie gegen Estland oder am letzten Freitag gegen die Slowakei aber nähren den Verdacht, dass nicht alle am gleichen Hebel ziehen.

Derzeit muss der Verband entscheiden, ob er den Vertrag mit Trainer Vladimir Petkovic verlängern will. Es ist ein richtungsweisender Entscheid. Weil damit auch die Art und Weise des Nati-Alltags bestimmt wird. Entscheidend ist die Frage: Kann Petkovic den Graben durch das Team kitten? Kann er die Mannschaft bis zur EM einen? Und damit die Grundlagen schaffen, dass die Endrunde ein Erfolg werden kann (was noch nicht heisst, dass sie es automatisch wird)?

Der Schatten von Hitzfeld und abgelehnte Ratschläge

Petkovics Vorgänger Ottmar Hitzfeld war Kraft seiner Erfahrung und seiner Autorität stets der absolute Chef. Da waren Extravaganzen automatisch selten. Aber ist auch Petkovic auf Dauer stark genug? Man kann es nur hoffen. Hitzfelds Schatten ist zweifellos gross. Gerade wenn es um solche Fragen geht. Der Schweizer Verband glaubt nicht, dass mannschaftsintern wegen der verschiedenen Herkunft der Spieler ein Graben entstanden ist. Schön zum Ausdruck kommt diese Haltung in den Worten des Nati-Delegierten Peter Stadelmann. Er fragt: «Glauben Sie denn wirklich, dass unter den Spielern während einer Partie migrationspolitische Exkurse stattfinden?»

Es ist allerdings zu hören, dass auch dem Verband gewisse Probleme aufgefallen sind. Sie betreffen im Kern die Rolle von Xherdan Shaqiri. Seine Art und sein Auftreten (auch während der Partien) polarisiert. Wenn er dann ausser Form ist und weniger aus sportlichen Gründen auffällt, sondern eher weil er seine Teamkollegen herumkommandiert, entstehen teamintern Diskussionen. Auch fragen sich einige, warum er vom Boulevard derart geschützt wird. So sehr, dass es nichts als logisch wäre, wenn ein Vertrag zwischen Ringier und Shaqiri bestünde. Erschwerend kommt hinzu, dass Shaqiri sich offenbar schwertut, Ratschläge anzunehmen. Auch wenn sie von ziemlich ranghoher Seite kommen.

Am Dienstag steht gegen Österreich das letzte Länderspiel des Jahres auf dem Programm. Die Schweiz kann mit einem überzeugenden Auftritt dafür sorgen, dass gewisse Fragen und Debatten in der Schublade verschwinden. Gelingt dieser überzeugende Auftritt indes nicht, wird die Diskussion über die Schweizer Einheit noch einmal an Fahrt gewinnen.

Meistgesehen

Artboard 1