«Luftiges Leinen. Himmlische Preise.» Mehrmals kann man diese höchst poetisch formulierten Zeilen am Hauptbahnhof lesen. Und zwar in der Unterführung. Stellen wir uns also einen Reisenden – sagen wir mal aus Zürich – vor, der heute mit dem Zug in Solothurn ankommt. Er wird also mit den Adjektiven «luftig» und «himmlisch» empfangen und freut sich im ersten Moment über diese feinsinnigen Formulierungen, bis er realisiert, dass es sich dabei
um die aktuelle Manor-Werbung handelt.

Auf der Suche nach der «wahren Dichtkunst» schreitet der Besucher also weiter durch unsere Unterführung. Beim Velofried...äh...bahnhof macht die Farbe Grün Hoffnung auf bessere Poetik. Passiert er kurz darauf in der Vorstadt den «Trüssel», so wird der fremde Besucher sogleich mit einem feinsinnigen Reim belohnt: «Früsch – was süsch!» Und man weiss: Hier ist man richtig, denn «Poesie beginnt dort, wo Tendenz ist», wie schon Wladimir Wladimirowitsch Majakowski sagte.

Spätestens beim Bücherschrank im Kreuzackerpark weiss der Zürcher, dass er sich hier quasi im Epizentrum der Literaturfreunde, an der Schaltstelle der Dichtkunst, ja gleichsam im literarischen Olymp befinden muss. Und vor dem Berufsschulhaus wird heute sogar Literatur feilgeboten: «Erwachet!» heisst die 16-seitige Zeitschrift, die es hier von der älteren Dame zu haben gibt. Durchaus erbaulich, denkt sich der Zürcher, um beim Gang über die Kreuzackerbrücke den grossen Kran zu begutachten, der momentan die Stadt-Silhouette stört und zwar erbauend ist, aber wenig erbaulich.

In der Hauptgasse angekommen fallen beim Gang Richtung Märetplatz diverse Sprüche auf: «Shoe Lovers» oder «Create your own Style» oder «Mein Style – meine Farbe». Offenbar werden die Leute heute auf «Denglisch» angelockt, denkt sich der Ankömmling. Ob dies auch für die Literatur gilt? Jetzt kann er es kaum erwarten, in der «Stadt der Poesie» die Literaten zu hören. Bereits auf dem Weg vom Bahnhof zur Altstadt ist er zahlreichen Hinweisen auf die «echte Poetik» begegnet und jetzt will er, muss er sogleich eine Lesung hören.

Doch – ach! – in diesem Moment realisiert er, dass er zwei Wochen zu früh angereist ist: Er flucht (auf Züridütsch) über seine falsche Planung, schimpft über die (aus seiner Sicht) zu spät angesetzten Literaturtage und nähert sich quasi dem Zitat von Christian Friedrich Hebbel: «Das Volk wird im Fluchen und Schimpfen poetisch». Voilà.