Gottfried Locher bleibt oberster Hirte der reformierten Schäfchen. Der Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK) setzt sich gegen seine Herausforderin Rita Famos durch. Das Resultat mag nach den Diskussionen der letzten Wochen und Monate überraschen.

Auf den zweiten Blick wird klar: Nach acht Jahren Reformierten-Präsident hat Locher seine Schäfchen im Griff. Zumindest jene, die sich noch in den SEK-Strukturen bewegen – inklusive der Delegierten, die ihre Wahl gegenüber der Basis nicht erklären müssen. Die anderen, die es mit dem talentierten Redner nicht können, sind weg. Auch unfreiwillig.

Aller Kritik zum Trotz sei festgehalten: Gottfried Locher wird bislang nichts Justiziables vorgeworfen. Er ist immer noch derselbe wie bei der Wahl zum SEK-Präsidenten. Schon da zog er mit einem PR- Berater in den Wahlkampf, sprach vom reformierten Bischof – und dafür schien nur er infrage zu kommen. Die aktuelle Kritik belegt aber, dass nicht allen Reformierten in dieser personifizierten Kirche wohl ist. Und auch Lochers Ansichten zur Prostitution und Feminisierung des Pfarrberufs werden zu Recht hinterfragt.

Entsprechend hoch ist Rita Famos die Kandidatur anzurechnen. Ihr Programm einer massvollen, Basis-orientierten Kirche unterlag zwar. Doch das hat sich der Zusammenschluss der Reformierten auch selbst zuzuschreiben, indem Famos dieses Anti-Locher-Programm weder den Delegierten noch in den reformierten Medien darlegen konnte. Wahrlich kein Glanzstück kirchenpolitischer Demokratie.

Für einmal können sich die Reformierten zumindest nicht über mangelndes öffentliches Interesse beklagen. Und Gottfried Locher wird auch in seiner dritten Legislatur verstärkt unter Beobachtung stehen.

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