Wer hätte 2011 gedacht, dass ein Leichtgewicht wie Philipp Hadorn für den Kanton Solothurn in den Nationalrat gewählt würde? Niemand! Wer hätte 2015 daran gedacht, dass er die Wiederwahl schaffen würde? Niemand! Zumal den Solothurnern ein Mandat weniger zugestanden wurde und der Sozialdemokrat während vier Jahren in der grossen Kammer keine aufsehenerregenden Stricke zerrissen hatte.

Wer würde denken, dass es der smarte Gewerkschafter aus Gerlafingen 2017 hinkriegt, in den Solothurner Regierungrat einzuziehen? Niemand! Huch, könnte im kommenden Frühjahr passieren, was bereits zweimal passiert ist: Hadorn marschiert durch und erwischt alle auf dem falschen Fuss. Entsprechend nervös bis gereizt reagieren die Genossen und nicht zuletzt die Genossinnen auf die Hadornsche Ankündigung: «Ja, ich will den Kanton Solothurn mitregieren.»

Schwer fassbar

Eigentlich müsste diese Partei froh sein, einen Mann in ihren Reihen zu haben, der Wahlen gewinnen kann. Doch der «Ha-» ist den Sozis ein Dorn im Auge. Ist er zu religiös, zu trocken, zu wenig linientreu? Er fährt am Heck seines Autos ein Fischli spazieren.

Mit andern Worten, er ist gläubig und fährt erst noch Auto. Beides dürfte sozialdemokratische Gemüter verwirren. Die Erfordernisse eines Cüpli-Sozialisten erfüllt er ebenso wenig. Als Präsident des Blauen Kreuzes geht er höchstens als Sirup-Roter durch.

Und jetzt der Hammer: Er will Regierungsrat werden, obwohl dies die Parteioberen überhaupt nicht vorgesehen haben. Verständlich, dass ihnen dies stinkt. Hadorn durchkreuzt eine Strategie, die jedoch, aus neutraler Warte betrachtet, durchaus diskutabel ist.

Klare Favoritin

Im kommenden Frühjahr will und muss die Partei den durch den Rücktritt ihres politischen Schwergewichts Peter Gomm frei werdenden linken Sitz in der bürgerlich dominierten Regierung verteidigen.

Die Poleposition wird der Oltnerin Susanne Schaffner zugeschrieben. Sie wäre ohne Zweifel eine Nachfolgerin mit vergleichbarer Kragenweite wie ihr Vorgänger – so sie es denn «schaffnert». Als Einerkandidatur sollte dem nichts im Wege stehen. Die Weichen sind dementsprechend gestellt (die ebenfalls ambitionierte Parteipräsidentin Franziska Roth soll mittlerweile andere Weihen im Visier haben).

Doch jetzt prescht ausgerechnet der Herr Nationalrat vor und pocht auf eine Doppelkandidatur. Unaufgefordert, unkontrollierbar, unsensibel – einfach unglaublich, rumort es hinter den sozialdemokratischen Kulissen. Krampfhaft versucht die Parteiführung, die aufgekommenen Irritationen zu kaschieren.

Was für die SPler einer unliebsamen Panne gleichkommt, ist für alle andern ein Glücksfall. Hadorn ist die Prise Salz in der Suppe, die sonst gegessen gewesen wäre, bevor angerichtet. Denn mit einer Ausnahme scheinen die SVP-Exponenten derzeit keine Lust auf dieses Exekutivamt zu haben (nach dem Motto: «Unsere Leute sind für die Rolle eh nicht genehm»).

Sie werden also einmal mehr leer ausgehen. Möglich, dass noch ein Grüner spriesst oder ein Juxkandidat sein Bedürfnis nach Rampenlicht befriedigen will. Letztlich für den Wahlausgang ebenfalls irrelevante Aspekte.

Werden ihm die Flügel gestutzt?

Wie auch immer, die Freisinnigen können die abtretende Esther Gassler locker ersetzen, das Kandidatenkarussell ist üppig und schlagkräftig besetzt. Das wären Gähn-Wahlen geworden, wie die Bürgerinnen und Bürger sie gar nicht schätzen – Überraschungspotenzial gleich null.

Dies kann allerdings immer noch werden. Dann nämlich, wenn «Störenfried» Hadorn die Flügel gestutzt werden. Doch so einfach dürfte sich der hartnäckige Profi-Gewerkschafter (seine Bezeichnung) nicht unterkriegen lassen. Kommt hinzu, dass er als Kämpfer für praktisch alle ur-sozialdemokratischen Anliegen durchgeht.

Entsprechend genüsslich preist er sich an: Er sei diesen Sommer von einem Zürcher Medium zum zweitlinksten Parlamentarier in Bern gekürt worden, hält er nicht ohne Stolz fest. Immerhin ist er mit etwas aufgefallen unter der Bundeskuppel. Dieses Ranking mag toll für ihn sein, ob es ihn allerdings auf Kantonsebene bei Mitte-Rechts-Wählern attraktiver macht, ist eine andere Frage.

Nicht minder sonderbar: Im Schreiben, mit dem er seine aktuelle Kandidatur bekannt gibt, bezeichnet er sich selber doch tatsächlich als «animal politique». Ein Attribut, das etwa einem Pascal Couchepin oder einem Christoph Blocher zugeschrieben wird – von Dritten notabene. Als Selbstdeklaration wäre wohl keiner der beiden je auf die Idee gekommen. Philipp Hadorn ist und bleibt ein unorthodoxer SP-Mann. Alles andere als leicht in eine Schublade zu stecken, doch bisher unbestrittenermassen erfolgreich.

Der Frauenverhinderer

Auch wenn seine angekündigte Kandidatur knackig ist, dürfte er sich diesmal den falschen Finger verbunden haben. Kommt hinzu, dass ein Regierungsrat Hadorn verhindern würde, dass 2017 erstmals zwei Frauen in der fünfköpfigen Solothurner Regierung Einsitz nehmen.

Was nicht bloss vorstellbar, sondern an der Zeit wäre. So gesehen, sollte man davon ausgehen können, dass die Freisinnigen feinsinnig genug sind und neben Remo Ankli eine Frau ins Rennen schicken. Alles andere müsste als Ausdruck eines mangelnden Selbstbewusstseins taxiert werden. Etwas, das zumindest Philipp Hadorn nicht abzugehen scheint.

theodor.eckert@azmedien.ch