Warum wir Kurt Fluri am 2. Juli als Stadtpräsident nicht mehr wählen sollen, wissen wir inzwischen zur Genüge. Er ist 24 Jahre im Amt und damit zu lange. Er hat zu wenig Zeit für die Stadt mit seinen 34 Mandaten. Er verwaltet statt gestaltet. Er ist zu wenig innovativ. Hat kein Herz für Nachtschwärmer und Sporttreibende. Kurz, seine Zeit ist vorbei. Eine einfache, klare Botschaft, die seine Herausforderin Franziska Roth seit Wochen unermüdlich aussendet. Für sie ist klar: Der Mann muss weg. Seine Zeit ist abgelaufen.

Eine Frau ihrer Partei

Nicht so klar ist, warum die Frau für ihn her muss. Oder anders herum: Während Franziska Roth andauernd erklärt, warum Kurt Fluri abzuwählen ist, wird von dessen Seite die Gegenfrage nie gestellt. Warum sollen wir Franziska Roth auf keinen Fall wählen? (K)eine Frage der political correctness? Dabei hätte das Fluri-Lager durchaus ähnliche Munition, um auf die Frau zu schiessen. Der eine Punkt: ihre politische Haltung. Interessant dazu ein aufgeschnappter Dialog von Fluri und Roth. Er: «Parteipolitik wird heute völlig überbewertet. Sie ist nicht so wichtig.» Sie: «Doch, die Politik ist entscheidend für alles, was wir tun.» Dies eng zusammengefasst die Standpunkte der beiden zu ihrer grundsätzlichen Inspiration bei einer Amtsausführung. Zwei völlig gegensätzliche Standpunkte. Hier die gelernte, überaus erfolgreiche Partei-Offizierin, die am 1.-Mai-Umzug in der ersten Reihe für den Klassenkampf mitmarschiert. Dort der nüchtern-pragmatische Realpolitiker, der seine Partei auch schon düpiert hat – indem er beispielsweise zwei FDP-gestützte Steuersenkungen abgelehnt hat. Ob Franziska Roth eine solche unterstützen würde, wenn die ganze SP einmal mehr blockt? Wohl kaum.

Die Frage des Rucksacks

Der andere Grund, der eine Überlegung wert ist, wem man die Stimme gibt: der Background. Oder gerade herausgesagt: der Rucksack. Hier die Heilpädagogin, die im Thal wirkt und kantonal wie kommunal vor allem ihrer SP dient. Dort der Amtsinhaber und Nationalrat mit einer wichtigen Rolle auf dem nationalen Parkett – verfemt von den einen, hoch geachtet bei den andern. Der querbeet vernetzt ist mit vielen für diese Stadt wichtigen Entscheid-Instanzen, nicht nur in Bern. Das sind Fakten. Und wir Wählerinnen und Wähler haben am 2. Juli primär den einen Job: die Stelle der höchsten Führungskraft in der Firma Stadt Solothurn optimal zu besetzen. Gut zu wissen also, wer wie tickt und was sie oder er kann oder eben nicht.

Übrigens, die Lohndiskussion wird bei dieser «Anstellung» nicht geführt. Dabei ist die Entlöhnung und die dafür gebotene Leistung sonst bei «Anstellungen» ein zentrales Thema: Kurt Fluri kostet die Stadt nämlich gerade mal rund 160 000 Franken im Jahr. Zwar hat er einen Lohn von rund 250 000 Franken, liefert aber aus seinen «Nebenjobs» fast 90 000 Franken an die Stadtkasse ab. Ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis, wenn man bedenkt, an wie vielen Fronten er sich noch für Stadt-Interessen einsetzt. Den Lohn einer Stadtpräsidentin Franziska Roth müssten die politischen Behörden neu festlegen – sicher tiefer als für den Stelleninhaber mit 24 Amtsjahren. Aber das ist eine andere Geschichte – und sicher kaum ein erstrangiges Wahlargument.

Wer wem aus welchem Grund hilft

Der Entscheid vom 2. Juli ist natürlich auch ein politischer und nicht einfach eine Stellenbesetzung. Der Entscheid wird aber auch von handfesten Eigeninteressen bestimmt, oder man quittiert alte, offene Rechnungen. Und so sind die Fronten im Abstimmungskampf höchst durchlässig: stadtbekannte Links-Exponenten aus dem «Kulturkuchen» votieren für Fluri. Weil er viel für sie, sprich die Kultur, getan hat. Ebenfalls stadtbekannte, dem Bürgerblock zugeordnete Köpfe, wollen Roth. Weil die SP-Frau wohl viel für sie und damit den Sport tun wird – falls man sie wählt. Die kleine Differenz: Bei Kurt Fluri weiss man seit 1993, für und gegen was er gestanden ist: für eine Westumfahrung, ein Stadttheater, den Weissensteintunnel. Aber nicht für ein Nachtleben a gogo, Sportförderung um jeden Preis oder zuletzt die Wasserstadt. Das ist der Vorteil, aber auch die Krux des bisherigen Platzhalters. Die Herausforderin dagegen kann Nachtclub-Öffnungszeiten bis 4 Uhr ebenso versprechen wie eine Dreifachhalle oder die Grillbratwurst am Märetplatz. Sie ist fast frei von historisch bedingten, selbst auferlegten Sachzwängen. Doch nur fast. Denn eine Steuersenkung, gefordert und gefördert unter einer Stadtpräsidentin Franziska Roth, käme etwa so überraschend wie eine explizit von Kurt Fluri verlangte Generalamnestie für alle jetzt zurückgebundenen Nachtlokale.

Wo die Euphorie fehlt

Bleiben als Entscheid-Moment noch die weichen Faktoren. Die bei den ebenfalls zur Wahl stehenden Vizepräsidenten-Kandidaten, dem Grünen Heinz Flück und CVP-Mann Pascal Walter, kaum konturiert erscheinen. Bei Fluri und Roth dagegen sind sie ausgeprägt vorhanden und wichtig. Charisma und Ausstrahlung, das Auftreten, die Motivation und Begeisterung fürs Amt. Da hat sich Kurt Fluri die schlechteren Karten selbst zugespielt. Seine Ansage, er hätte sich ein Aufhören nach 24 Jahren vorstellen können, aber seine Partei, eine FDP ohne echte Kandidatur-Alternative, habe ihn zum siebten Antreten bewegt – das lässt sich später kaum noch korrigieren. Auch wenn man weiss, dass der Stadtpräsident ein Muster an Pflichterfüllung ist. Die Begeisterung, ja geradezu Euphorie für den Einsitz an der Baselstrasse 7, wie sie Franziska Roth mit jeder Faser demonstriert, die kann der 61-jährige Routinier schlicht und einfach nicht «nachliefern». Auch mit dem Hinweis auf seine schier übermenschliche Präsenz nicht.

Dafür zieht Kurt Fluri eine auf den ersten Blick eher unscheinbare, aber kaum zu parierende Parole aus dem Wahlkampf-Ärmel: Er will «Stadtpräsident für alle» bleiben. Das ist ihm bisher für viele gelungen. Wie viele es sind und dies honorieren, wird der 2. Juli zeigen.