Die Tunnelwoche hat den Blick für grössere Zusammenhänge freigemacht: Die völkerverbindende, die wirtschaftliche, die ökologische Bedeutung eines Eisenbahntunnels ist allen bewusst geworden. Nutzen wir diesen Schwung und übertragen ihn vom 12-Milliarden-Bauwerk Gotthard-Basistunnel auf das Millionen-Projekt Weissensteintunnel. Was fürs Epochale gilt, kann fürs Kleine nicht völlig falsch sein.

Für viele ist klar: Der marode Weissensteintunnel und mit ihm die Bahnlinie von Solothurn nach Moutier sollen auch von kommenden Generationen genutzt werden können. Das kostet zwar einige Franken, aber regionalpolitisch, wirtschaftlich und touristisch macht diese Linie Sinn. So zumindest sehen es Betroffene und die in der Sache engagierten Solothurnerinnen und Solothurner. Wer sich bisher nicht näher mit dem 3699 m langen Loch durch die erste Jurakette befasst hat, wird das Ringen um dieses Bauwerk möglicherweise als kleinliche Zwängerei einstufen. Das Interesse ausserhalb unserer Region dürfte gänzlich abflachen. Selbst die Bahneignerin BLS mit Sitz in Bern hat diese Bahnstrecke alles andere als zuoberst auf der Prioritätenliste. Der Betrieb ist an die SBB ausgelagert, der Tunnelunterhalt liess in der Vergangenheit zu wünschen übrig und den Kampf um den Erhalt hat sich das Unternehmen ebenso wenig auf die Fahnen geschrieben. Für Letzteren macht sich mittlerweile ein breit abgestütztes Komitee stark und hofft natürlich auf breite Unterstützung in der Bevölkerung. Mit dabei auch die SP des Kantons. Nicht uninteressant in diesem Zusammenhang: Ein SP-Mitglied wird beim Schliessungsentscheid ein gewichtiges Wort mitreden. Peter Füglistaler ist Direktor des Bundesamtes für Verkehr BAV. Bei ihm laufen derzeit die Weissensteintunnel-Fäden zusammen. Obwohl er auch beim Schweizerischen Eisenbahn- und Verkehrspersonalverband SEV eingetragen ist, wäre es vermessen, ihn als Mitstreiter zu vereinnahmen. Füglistaler hat an einer Podiumsveranstaltung in Solothurn bewiesen, dass er die nationale Gesamtsicht nie aus den Augen verliert. Es wäre auch falsch, sich etwas vorzumachen: Nüchtern betrachtet, kommt dem Solothurner Tunnel lediglich die Rolle eines Mosaiksteins zu.

Ernst der Lage nicht erkannt

Auffallend: Während des nervenraubenden Kampfes für eine neue Gondelbahn hat man den Problem-Tunnel völlig aus dem Fokus verloren. Dass das BAV nun bereits Ende 2016 über dessen Existenz befinden wird, hat alle auf dem falschen Fuss erwischt. Pro-Argumente, Alternativlösungen, Kostensenkungs-Vorschläge und gelebte Bekenntnisse zur Bahnstrecke müssen jetzt auf den Tisch.

In schlechtem Zustand

Der Tunnel wurde 1908 eingeweiht. Im quellenfähigen Faltengebirge ist er deutlich exponierter als vergleichbare Röhren im Granit. So ist es zu Verformungen gekommen. Aufgrund von Druckerscheinungen mussten Gewölbeverkleidungen angebracht werden. Der Wasserabfluss ist derart massiv, dass er in Oberdorf zur Stromerzeugung genutzt werden kann. Eine Analyse besagt, dass mehr als die Hälfte des Tunnels schadhaft oder schlecht ist. Im Raum steht nun die stolze Summe von 170 Millionen, damit die Sache wieder in Ordnung gebracht werden kann. Rechnet man die Ausgaben für notwendige flankierende Massnahmen dazu, geht das BAV von insgesamt 300 Millionen aus. Dies für eine Strecke, die gut und gerne auf einen Kostendeckungsgrad von lediglich 20 Prozent kommt. Die Reizschwelle des Bundes liegt deutlich darüber, nämlich bei 30 Prozent. Deshalb dürfte es für den Weissensteintunnel eng werden. Füglistaler dazu lapidar: Wenn sein Amt dem Kanton 300 Millionen Franken zur Verfügung stellen würde, um diese Summe nach freier Wahl in die Verkehrsinfrastruktur zu stecken, ginge er nicht davon aus, dass der Betrag vollumfänglich dem Tunnel zugutekäme. Keine Frage, 300 Millionen wären enorm viel Geld, so denn der Betrag seine Richtigkeit hat. Allerdings monieren Befürworter, dass die enorme Bedeutung der Bahn für die gesamte Region nicht allein auf Franken und Rappen reduziert werden sollte. Das Geld müsste übrigens dem Bahninfrastrukturfonds entnommen werden. Eine Kasse im Rahmen der Fabi-Vorlage. Ihr hat das Schweizervolk 2014 deutlich zugestimmt.

Nun geht es also um Sein oder Nichtsein des Weissensteintunnels. Von Fachleuten, solchen, die sich dafür halten und Laien werden Zustandsberichte abgegeben, Sanierungsmöglichkeiten aufgezeigt und natürlich Kosten gewälzt. Mittlerweile wird gar herumgeboten, dass eine Baufirma für lediglich 80 Millionen einen neuen, zweiten Tunnel bauen würde. Tatsache ist, je günstiger das Ganze wird, desto höher sind die Chancen, dass die liebliche Landschaft zwischen Solothurn und Moutier auch in Zukunft mit der Bahn durchfahren werden kann.

Fazit: Der Zug ist noch nicht abgefahren. Naiv wäre es jedoch, darauf zu vertrauen, dass die Schliessungsdiskussion bloss viel Lärm um nichts sei und die Strecke letztlich doch um jeden Preis erhalten werde. So ist es nämlich nicht.

theodor.eckert@azmedien.ch