Kommentar

Mittelalter pestfrei

Familie Dietschi vor dem Bauernhaus.

Familie Dietschi vor dem Bauernhaus.

Glosse zum Versuch, bei Oensingen mit Softie-Methoden das Mittelalter in die Glotze zu zaubern.

Beliebtes Sommerspielchen nicht nur im Schweizer Fernsehen: Man nehme einige eher verweichlichte Jetztzeitmenschen und katapultiere sie in die Vergangenheit zurück. Wie jetzt die Familie Dietschi am Fuss von Schloss Neu-Bechburg. Sie ist im späten Mittelalter gelandet. Natürlich zur damals optimalen Jahreszeit, wenn die Ernte reif ist. War schon früher so, als es um die TV-Steinzeit ging. Die Wälder waren voller Pilze – man hätte sich durchessen können. Wenn die Guten eine Ahnung gehabt hätten, welche die Schlechten sind. Pilze natürlich.

Dietschis haben es gut. Keine am Galgen baumelnde Leichen von armen, meist Kleinkriminellen. Keine Siechenhäuser mit Leprakranken. Kein Risiko, morgens mit der Pest aufzustehen und abends daran zu sterben. Keine Mordbuben wie die Gugler 1376, die ganze Landstriche und Städtchen wie Altreu dem Erdboden gleichmachten. Und keine lodernden Scheiterhaufen mit unschuldigen Frauen obendrauf. Auch das war alles Mittelalter. Aber nicht TV-like. Dafür haben Dietschis eine echte Wachskerze. Hätte der Vogt ein solches Luxus-Ding damals bei Bauern entdeckt, wären sie garantiert im Schlossturm verlocht worden. Mindestens. Ein Gemüsegarten ist einfach da, Ziegen auch. Zum Davonlaufen. Das können sie auch. Verbietet doch das heutige Tierschutzgesetz das mittelalterliche Anbinden am Strick. Aber: Weder Wolf noch Bär holt sich die Geiss – Meister Petz ist seit 1754 am Jurasüdfuss ausgerottet. Dietschis haben es gut. Auch die mittelalterliche Latrine bleibt ihnen erspart. Deshalb ein WC im Bauwagen. Abseits der Kamera. Und so sind mittelalterliche Redensarten ausgestorben. Kein Gäuer sagt mehr zum anderen vor dem wichtigen Geschäft: «I go de go dünnere».

Autor

wolfgangwagmann

wolfgangwagmann

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