Vor einer Woche formulierte in einem Interview in dieser Zeitung der erfolgreiche Ypsomed-Chef und FDP-Kantonsrat Simon Michel seine Erwartungen als Unternehmer an die Politik im Kanton Solothurn, speziell an die Adresse der Kantonsregierung. Er sparte dabei nicht mit Kritik. Dass Unternehmer den Politikern, vor allem der Regierung, die Leviten lesen, ist nicht neu und zweifelsohne manchmal auch nötig.

Das Michel-Interview weckte in mir eine Erinnerung an eine Begebenheit vor über 30 Jahren. Zu dieser Zeit gehörte ich als Präsident der Jungliberalen Bewegung des Kantons Solothurn dem Kantonalvorstand der FDP an. Dort liess man jeweils bei der Beratung von Wirtschafts- und Finanzfragen den Präsidenten der zuständigen parteiinternen Arbeitsgruppe zu Wort kommen: Othmar Ehrler.

Als Direktor der damaligen Papierfabrik Biberist und als Verwaltungsratspräsident der einstigen Bank in Kriegstetten ein angesehener Wirtschafts- und Ehrenmann, dem man hohen Respekt zollte. Seinen Worten wurde grosse Beachtung geschenkt. Und er genoss diese Rolle sichtlich.

Ich musste dann allerdings persönlich erfahren, wie einem widerfuhr, der dieser Respektsperson verbal entgegentrat, etwa wenn sie sich undifferenziert und herablassend über Staat, Politik und Regierung äusserte. Ehrler sah sich in seiner Autorität verletzt und verlangte den Ausschluss des aufmüpfigen Jungsporns.

Hätte nicht Ständerat Max Affolter lautstark dagegen opponiert, wäre es vielleicht sogar dazu gekommen. «Wenn Nützi gehen muss, gehe ich auch», polterte der wortgewaltige Oltner lautstark und liess in der Manier des einstigen SPD-Haudegens Herbert Wehner zünftig Rauch aus seiner Tabakpfeife aufsteigen. Als sich der Pfeifenrauch legte, herrschte Stille, war alles vorbei. Max Affolter sei Dank.

Später verfolgte ich als Journalist Othmar Ehrlers Laufbahn. Diese zeigt, dass Erfolg vergänglich ist. Die Papierfabrik Biberist gibt es nicht mehr. Und die Bank in Kriegstetten riss bei ihrem Niedergang sogar die Solothurner Kantonalbank mit ins Verderben. Dieser Fall hat mich ganz besonders dafür sensibilisiert, das Wirken erfolgreicher Unternehmer mitzuverfolgen und deren Aussagen zu hinterfragen – trotz der Aura des Erfolges, die aufstrebende Unternehmer umgibt. Denn nochmals: Erfolg ist vergänglich. Es gäbe unzählige Beispiele anzufügen.

Zurück zum Anfang meiner Gedankensprünge, dem Michel-Interview und der darin enthaltenen Kritik an der (fehlenden) Wirtschaftsstrategie des Kantons und seiner Regierung. Diese Kritik gab es auch zu Ehrlers Zeiten. Doch eigentlich hat der Kanton Solothurn den Strukturwandel von den grossen Industriekonzernen, von denen er gesegnet war, hin zu den zahlreichen Klein- und Mittelbetrieben recht gut gemeistert. Und für das letzte grosse Kapitel, den Biogen-Deal, wird der Kanton Solothurn sogar von den Nachbarkantonen beneidet. Im eigenen Kanton erhielt die Regierung für ihr Verhandlungsgeschick von allen Seiten gute Noten.

Simon Michel vermisst heute im Kanton Solothurn eine klare Wirtschaftsstrategie. Das mag vielleicht sogar zutreffen. Doch die heutige Wirtschaftsstrategie Solothurns ist nicht klarer und konkreter als die im Leitbild von 1986 formulierte, welche die Förderung der Agglomeration Olten als Wachstumspol im Vordergrund sah. In Abweichung dieser Zielrichtung schaffte man aber auch im oberen Kantonsteil Schwerpunkte, zum Beispiel mit Unternehmen der Medizinaltechnik, zu denen Michels Ypsomed gehört.

Im Grossen und Ganzen hat sich die wandelbare und anpassungsfähige Strategie mit einhergehender Wirtschaftsförderung bewährt. Auch der Biogen-Deal beweist, dass Solothurns Wirtschaftspolitik nicht von schlechten Eltern ist. Anders sieht es offenbar der Ypsomed-CEO Simon Michel, der sogar die Richtigkeit des Biogen-Deals infrage stellt. Michel muss natürlich damit rechnen, dass Biogen zumindest auf dem Arbeitsmarkt eine Konkurrenz zu seiner Ypsomed darstellt.

Für Simon Michel bildet offenbar die Steuerbelastung den Kern einer Wirtschaftsstrategie. Doch gerade das Beispiel Biogen beweist, dass das Baselbiet trotz tieferen Unternehmenssteuern und der Nähe zum Life-Science-Cluster in Basel gegen Solothurn den Kürzeren gezogen hat. Das Streben nach tiefen Steuern hat Simon Michel von seinem Vater Willy Michel geerbt. Dieser kannte kein Pardon, wenn es um Steuern ging, liebäugelte im Zusammenhang mit einer Steuererhöhungs-Initiative einst sogar damit, nach Montenegro auszuwandern, weil es dort keine Vermögenssteuer gibt.

Kein Wunder: Die Familie Michel gehört zu den Reichsten dieses Landes. Das hiesige Wirtschaftsmagazin «Bilanz» schätzt ihr Vermögen auf 1,5 bis 2 Milliarden Franken. Als Sohn eines Bahnrangiermeisters hat es Willy Michel weit gebracht. Davon zeugen nicht nur seine Besitztümer: Schloss Gümligen, teure Autos, Luxusjacht. Von der Universität Bern erhielt er sogar den Ehrendoktor-Titel verliehen. Willy Michel zeigte sich immer wieder auch spendabel. So ermöglichte er etwa mit rund 20 Mio. Franken den Bau des Kunstmuseums Franz Gertsch in Burgdorf oder investierte 50 Mio. Franken in den Aufbau eines Forschungszentrums für Diabetes in Bern.

Fazit: Schon vom finanziellen Gewicht her wäre es völlig verfehlt, Willy oder Simon Michel mit Othmar Ehrler zu vergleichen. Deshalb wäre äusserst schade, wenn dieses gute Unternehmerblut durch «Steuergift» verseucht würde. Dass Simon Michel seinen Wohnort in die Steuerhölle Solothurn verlegt hat, lässt hoffen. Ausschlaggebend waren nach eigenen Angaben nicht nackte Steuerbeträge, sondern die hohe Lebensqualität für die Familie.

Unabhängig vom Steuersatz sollte Michel nun auch entscheiden, den Ypsomed-Hauptsitz nach Solothurn zu verlegen. Denn Solothurn ist guter Boden: für das Leben von Familien ebenso wie für das Gedeihen von Unternehmen. Das eine hat Simon Michel bereits erkannt, das andere ist ihm wahrscheinlich auch bewusst, sonst hätte er den Ypsomed Standort Solothurn kaum ausgebaut.

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