Ich gebe zu: Ich bin früh dran. Die Fussball-WM in Russland beginnt im Juni. Und ich denke schon im März mit Unbehagen daran. Denn eigentlich stimmt das gar nicht mit dem Juni. Im Grunde genommen hat die WM schon begonnen. Denn wo ich auch hinschaue, wo ich auch hinhöre, mit wem ich auch rede: Überall ist vom Testspiel die Rede.

Es spielt Deutschland gegen England, die Schweiz gegen Panama, die Russen gegen Brasilien, Österreich gegen Slowenien, San Marino gegen Andorra (eine von denen will doch auch mal gewinnen), Australien meinetwegen gegen Uruguay.

Ich geb zu: Ich hab die Test-Partien nicht im Kopf, und die erwähnten hab ich zum Teil erfunden. Aber sie könnten wahr sein. Sie sind so normal geworden, dass noch nicht mal mehr die freie Erfindung eine Überraschung bereithält. Schrecklich.

Meine allererste frontale Fussball-WM hab ich 1970 erlebt. Damals war ich elf und die WM in Mexiko kam für mich so plötzlich am TV, dass ich sogar ob der Anzahl Mannschaften staunte. Die Schweiz war übrigens nicht dabei, was mich noch nicht einmal störte. Ich glaube, ich war mir damals schon bewusst, dass die Schweiz nicht zur (Fussball-)Welt gehört. Testspiele gabs auch nicht und wenn, blieben sie mir verborgen. Zum Glück.

Heute wird jedes Testspiel übertragen, analysiert, Sequenzen werden in Zeitlupe x-mal gezeigt, erklärt, angebliche Fehler aufgedeckt, X fragt den Y, was er davon halte, und Z sagt: «Wir müssen positiv bleiben.» Und anderntags reden Männer und zunehmend auch Frauen in derselben Sprache der Experten über das, was sie am Abend zuvor gehört hatten: Übungssätze, durchdekliniert.

Ach, war das schön damals in Mexiko am Fernsehen, als ein Spiel noch eine Exklusivität war und nicht Dutzendware.

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