Zehn Jahre später. Die Drohne fliegt erstmals wieder über die Westtangente, Westumfahrung, Entlastung West. Einige Namen hatte sie. Unverändert bleiben die Bilder, welche die Drohne schiesst. Links und rechts der Strasse viel Grün. Keine neuen Gebäude, nicht eins. Nicht einmal die Spur einer Baustelle. Und auch kaum ein abgerissenes Gebäude. Bis auf den Forstwerkhof der Bürgergemeinde oben beim Allmendknoten. Das ist schon alles. Alles? Nein, zur Abendstunde hat es wesentlich mehr Autos auf der einspurigen Umfahrungsstrasse. Ein Thema für sich. Wir kommen noch dazu.

Nun, ganz ohne bleibt die Drohne nicht. Südlich der Aare, bei der Auffahrt zur Westtangente ist alles ganz anders. Hier, in der kleinen Ecke, die noch zu Biberist gehört, haben sich neue Gewerbe- und Einkaufsbauten angesiedelt. Saudan, Oetterli, einst klingende Namen der Stadtsolothurner Gewerbewelt. Dazu Mondaine und Aldi. Das Faszinosum: Biberist musste damals nichts an die Westumfahrung zahlen. Das übernahm grosszügig die Stadt Solothurn, damit es einen möglichen Oppositionsherd weniger gibt. Was taten die cleveren Biberister dann? Sie zonten flugs um, und lockten die erwähnten Betriebe an. Solothurn wehrte sich mit allen Mitteln dagegen. Ohne Erfolg.

Es ist nicht nichts gegangen

Dies war auch beim Pionier auf Stadtboden der Fall. Kein neuer Coop entstand in all den Jahren an der Pulsader der Westumfahrung, auf dem alten Kofmehl-Areal. Ein Einsprecher hielt dagegen. Und so bringt die Drohne vom Stadtboden keine neuen Erkenntnisse nach Hause. Nicht einmal die Verbindungsstrasse vom Gibelinknoten zum Sonnenpark wurde realisiert. Gemach, gemach, sie kommt. Denn es ist nicht nichts gegangen. Man sieht nur noch nichts. Links und rechts der Strasse hat die Stadt das Land erworben. Und seither wird geplant und geplant. Für «Weitblick». Mit ruhiger Hand und viel Geduld. Gut Ding will Weile haben. Ein weiter Blick erfordert Zeit. Die blühenden Landschaften von Helmuth Kohl liessen in der Ex-DDR ja auch auf sich warten.

Entlastung West. Das klang gut. Und half 2002, die Abstimmung für den 125-Mio.-Bau knapp zu gewinnen. Fast mantra-mässig wiederholten die Befürworter ihr Hauptargument: Die Innenstadt von Solothurn müsse vom Durchgangsverkehr befreit werden. Am 8. 8. 08 liess man wie versprochen das Fallbeil heruntersausen: Die Wengibrücke wurde für den innerstädtischen Verkehr gekappt. Das war lange Zeit alles. Und es wurde öde. Vor allem nördlich der Aare, an der Wengistrasse. Leerstände häuften sich. Nur zögerlich wurden die Brückenköpfe der neuen Situation angepasst. Jetzt, nach zehn Jahren, ist die Umgestaltung der Berntorstrasse im Süden in den letzten Zügen. Auf den Postplatz und die Wengistrasse im Norden wartet Solothurn noch immer.

Das Nullsummenspiel

Die 400 Busse, die täglich durch die Vorstadt fahren, sie sind Gewinner. Die Vorstädter selber zweifeln ab und an noch – zumal die alte Eisen-Bahnbrücke noch immer ständig nervt. Nerven tut man sich aber auch weiter westlich. Auf der Umfahrungsstrasse. In Stosszeiten ist die Entlastung längst zur Belastung West geworden. Was absehbar war. Man wollte zwar den Verkehr etwas ausserhalb der Stadt, aber ja nicht mehr. Auch künftig nicht. An sich ist die Entlastung West nur ein Nullsummenspiel. Sie lässt nicht mehr Verkehr zu, nur mehr Stau. Angebotsorientiert, nennt sich das im Planer-Jargon. Dabei ist links und rechts sowie oben noch kein einziger neuer Verkehrserzeuger gebaut worden. Nur Biberist hat solche hervorgebracht. Ansonsten warten wir. Auf den Super-Stau, den
Super-GAU – Neiaberau!

Der 8. 8. 18 ist kein Grund zum Feiern. Aber einer zum Nachdenken. Was ist da falsch gelaufen, und was läuft weiter falsch? Nur eines ist klar: Solange entlang der Westumfahrung gar nichts läuft, läuft es auf ihr noch einigermassen. Das ist nicht viel, aber besser als gar nichts. In zehn Jahren lassen wir die Drohne wieder fliegen.