Gastbeitrag

Im armen Süden brauchen Millionen von Menschen Unterstützung

Die Gesundheitskrise ist nur der Anfang. Auf die Gesundheitskrise wird im Süden die Wirtschaftskrise folgen und mit ihr eine Hungerkatastrophe. (Symbolbild)

Die Gesundheitskrise ist nur der Anfang. Auf die Gesundheitskrise wird im Süden die Wirtschaftskrise folgen und mit ihr eine Hungerkatastrophe. (Symbolbild)

Vor genau einem Jahr habe ich über den Stillstand im Osterstau geschrieben und die Fragen gestellt, die einem beim Warten so durch den Kopf gehen: Gibt es noch Hoffnung? Was tue ich hier? Was will mir dieser Stau sagen?

Nach bald vier Wochen Homeoffice lauten dieselben Fragen: Gibt es noch Hoffnung? Was tue ich hier? Was will mir dieses Covid-19 sagen?

In meinem Solothurner Heimbüro fehlt mir jede Zeit für solche Gedanken. Während das öffentliche Leben sichtlich langsamer geworden ist, hat Covid-19 multiple Aufgaben obendrauf gepackt. Soviel ist klar: Dieses Virus bedroht nicht nur uns, sondern wird in den verletzlichen Ländern mit hoher Armut umso härter zuschlagen.

Seit Beginn der Krise führen wir regelmässig Videogespräche mit unseren Länderbüros. Die Ungewissheit darüber, wie die nächsten Monate aussehen werden, ist gross. Die Verunsicherung, ob unsere Projekte überhaupt weitergeführt werden können, allgegenwärtig. Alle Mitarbeitenden stellen sich auf eine Zeit ein, in der kein Kontakt möglich sein wird und ausschliesslich über Internet oder Telefon kommuniziert werden muss. In afrikanischen Ländern wie Niger oder Tschad, die zu den ärmsten der Welt gehören, eine Herausforderung.

Vor allem in Afrika ist man sich seit Ebola einiges gewohnt. Wenn der Staat eingreift, dann autoritär. In Tansania wird jeder Einreisende einer 14-tägigen Quarantäne unterstellt, die in einem fremden, geschlossenem Raum absolviert werden muss. Fast wie im Gefängnis, nur kostenpflichtig. Das Touristenland ist nun also isoliert, die meisten Einnahmen sind weggebrochen. Die Arbeitslosigkeit schnellt hoch und die internen Spannungen nehmen zu. Unser Programmleiter für Tansania, ein Westschweizer, hat das letzte Flugzeug von Dar-es-Salam abheben lassen – und ist mit seiner Familie im Land geblieben. Die fehlende medizinische Versorgung und die zunehmende Fremdenfeindlichkeit nimmt er in Kauf. «Covid!» wurde auf der Strasse schon beschimpfend auf ihn gezeigt – als Weisser kriegt man die Angst und Ablehnung verstärkt zu spüren. Blaise weiss es wegzustecken und sucht nach Möglichkeiten, wie Swissaid zusammen mit den Partnern der Bevölkerung helfen kann, die Krise zu überwinden.

Die Gesundheitskrise ist nur der Anfang. Auf die Gesundheitskrise wird im Süden die Wirtschaftskrise folgen und mit ihr eine Hungerkatastrophe, vermutlich begleitet von sozialen Unruhen und möglicherweise neuen Kriegen. Swissaid stellt sich also auf eine lange Zeit der humanitären Katastrophe ein, wir verändern unsere Entwicklungsprojekte so, dass sie dieser Not gerecht werden.

Sauberes Wasser ist nötig. Korrekte Informationen müssen vermittelt werden. Die nächste Aussaat muss rechtzeitig erfolgen, sonst fehlt die Nahrung. Gerade jetzt sichert die kleinbäuerliche agroökologische Landwirtschaft der ländlichen Bevölkerung die Nahrungsmittel, die sie zum Überleben braucht. Die mit Kompost beackerte, von chemischen Zusätzen befreiten Parzellen ermöglichen sichere Nahrung auch zu Zeiten, wo alle Versorgungsnetze zusammenbrechen.

Die Krise beschäftigt mich und lässt wenig Raum für Stillstand. Sie ist grenzenlos, auch mit sozialer Distanz. Am Tag, wo wir sie gemeinsam hinter uns gebracht haben werden, werden wir erkennen: Es gibt noch Hoffnung. Und im Gotthardtunnel Richtung Süden werden wir denken: Covid-19 macht uns deutlich, dass im armen Süden Millionen von Menschen unsere Solidarität brauchen. 

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