Liebe Grenchnerinnen,
liebe Grenchner

Nicht wahr, ihr mögt es über das garstige Wetter zu reden, über die Radiesli, und Tränenden Herzen, die in den letzten Tagen so unter der Kälte gelitten haben. Über die gefütterten Stiefel und Mäntel, die ihr schon zur Überwinterung versorgt hattet und jetzt für die Spaziergänge mit dem Verbeiner doch wieder hervorholen müsst. Und darüber ob die Schneckenkörneraktion in der Landi wohl noch bis nach der Schlechtwetterphase verlängert wird. Ihr habt euch zu früh gefreut. Der Frühling lässt noch auf sich warten. Und ich werde hier nicht auf Schönwetter machen, dafür aber zünftig wettern. Denn: Ihr habts verdient!

Am 23. April wurde die Regierung unseres Kantons gewählt. Das sind die Männer und Frauen, die zusammen mit dem Kantonsparlament die Geschicke des Kantons und damit auch zu einem beträchtlichen Teil der Gemeinden bestimmen. Das sind die vom Stimmvolk beauftragten Leute, die unsere Gesellschaft mitgestalten, unser Gemeinwohl verwalten und denen wir eine immens wichtige Führungsaufgabe anvertrauen.

Das alles interessiert euch offenbar kaum. Denn nur gerade jeder fünfte Grenchner Stimmbürger gab seine oder ihre Stimme ab. Das sind fette sechzehn Prozent weniger als in den beiden anderen Städten Solothurn und Olten. Und da jammert ihr seit Jahren, dass ihr im Kanton nicht erhört werdet? Dass die Beziehungen zwischen den städtischen Behörden und kantonalen Ämtern nicht gut sei? Dass ihr nicht ernst genommen würdet? Ihr euch kein Gehör verschaffen könnt?

Wären eure Weckrufe zur demokratischen Beteiligung nur halb so laut und halb so häufig wie euer Lamentieren, dann hätten wir demokratische Verhältnisse, die diesen Namen auch verdienen würden. Stattdessen schafft ihr die Demokratie in dieser Stadt mehr und mehr selber ab und opfert sie eurer Lethargie, eurem Desinteresse und eurer Ignoranz.

Wahlen und Abstimmungen , liebe Grenchnerinnen und Grenchner sind nicht wie ein «gruusiger Aprilschauer», den man daheim an der Wärme abwartet bis er vorüber ist, sondern Ausdruck von Respekt und Dankbarkeit, dass wir in einem politischen System leben dürfen, das und anhält stetig mitzudenken, mitzureden und mitzuentscheiden.

Vergesst bitte nicht, dass es noch nicht lange her ist, dass es bei uns in Europa Menschen gab, die für dieses Privileg ihr Leben liessen und dass in anderen Weltgegenden auch heute noch Menschen verfolgt und drangsaliert werden, wenn sie politisches Mitbestimmungsrecht fordern. Wer dort eine abweichende Meinung als die der Machthaber schon nur äussert, riskiert mundtot gemacht zu werden oder wird weggesperrt.

Und ihr findet es bestenfalls ein «unnötiges Gstürm», dass man konträre Meinungen austauscht. Müsste es nicht nur selbstverständlich einen Gemüsemarkt, sondern auch einen Markt der Meinungen und Haltungen wöchentlich in dieser Stadt geben, eine Plattform, wo Argumentieren und sachlich Streiten im besten Sinne angepriesen werden?

Schätzen wir in Grenchen saisongerechte, regionale und frische Produkte von verschiedenen Ständen und Erzeugern bloss als Feinschmecker auf dem Teller – oder hat die Bevölkerung auch noch geistige, politische und soziale Bedürfnisse die gestillt werden wollen?

Am 21. Mai wird über nationale Vorlagen abgestimmt und gleichzeitig der Grenchner Gemeinderat gewählt. Eine neue Chance zu zeigen, dass die Demokratie auch in dieser Stadt lebendig ist.