Vor zwei Jahren war ich mit unserem jüngsten Sohn in Riesa, einer Stadt zwischen Leipzig und Dresden in der ehemaligen DDR. Wir besuchten Bekannte und der Sohn führte bei dieser Gelegenheit im Zusammenhang mit seiner Maturarbeit verschiedene Gespräche mit Einwohnern der Stadt über die Frage, wie sie die Zeiten vor und nach der Wende erlebt hatten. Auf der einen Seite beklagten die Leute die Mangelwirtschaft im real existierenden Sozialismus. Aber schön sei es schon gewesen, dass man damals einander ausgeholfen habe. Man sei halt aufeinander angewiesen gewesen. Heute sei das nicht mehr der Fall. Die Menschen hätten sich auseinandergelebt, weil nun alles aufs Geld orientiert sei.

Trotzdem war zu spüren und alle brachten auch zum Ausdruck, dass niemand die alten Zeiten zurückwünscht. Die mit dem Ende der DDR gewonnenen Freiheiten überwiegen alles. Die Freiheit zu reisen, wohin man wolle, möchten sie um keinen Preis mehr aufgeben, wurde betont. Und die Freiheit, das sagen zu können, was man denkt, ohne dass man stets Angst haben muss, denunziert zu werden, sei unbezahlbar. So lautete die Schlussfolgerung von fast jedem Gespräch, das wir führten. Vor diesem Hintergrund mutet es in der Tat seltsam an, wenn heute gewisse Kreise – wie das Lucien Fluri in einem Bericht aus Berlin in dieser Zeitung kürzlich darlegte – das alte System unter dem Titel Ostalgie verklären oder sogar Witze darüber machen.

Die Freiheiten, die wir geniessen, sind für uns und auch die Bürger des ehemaligen Ostens selbstverständlich geworden. Die Anschläge in Nizza und vorher in Paris sowie in Würzburg und München führen dazu, dass diese Freiheiten beschränkt werden, ja beschränkt werden müssen. Die Sicherheitsapparate werden hochgefahren. Frankreich hat soeben den Ausnahmezustand verlängert. Die erhöhte Polizei- und Militärpräsenz beispielsweise in Paris ist unübersehbar. Überall wird man kontrolliert. Die Überwachung von Telefon, E-Mail, Facebook und so weiter gehören schon bald zur Regel und vielleicht wird Privatsphäre demnächst sogar zu einem Luxusgut werden. In der Türkei – immerhin ein Land, das sich ebenfalls demokratisch gibt – geht Präsident Erdogan noch direkter vor: Er lässt aufgrund offenbar bereits vorher angefertigter Listen gleich zu Zehntausenden ihm nicht genehme Lehrer, Polizisten und Richter aus dem Dienst entfernen oder sogar verhaften. Ein unerhörtes Vorgehen bei uns in Europa.

Es ist leider so: Die in Frankreich getroffenen Massnahmen und damit verbundenen Einschränkungen der Freiheit sind wohl unumgänglich, um dem islamistischen Terror zu begegnen. Aber wie geht es weiter, wenn es – wie wir hoffen – gelingen sollte, die fundamentalistischen Anhänger des Islams in die Schranken zu weisen? Erfahrungsgemäss werden einmal begründete staatliche Aktivitäten nicht mehr so schnell wieder aufgeben. Bleibt es somit auf Dauer bei den wegen der Terroranschläge beschlossenen Einschränkungen der Freiheitsrechte?

Für uns in der Schweiz sind die Freiheitsrechte zur Selbstverständlichkeit geworden. Die gegenwärtigen Entwicklungen in der unmittelbaren und weiteren Nachbarschaft zeigen aber, dass die persönliche Freiheit eine brüchige Errungenschaft sein kann. Ich meine, es lohnt sich deshalb und ist nötig, dass wir für diese Errungenschaften einstehen. In letzter Zeit müssen wir allerdings eine gegenteilige Entwicklung feststellen: Die Bereitschaft, sich für politische Ämter zur Verfügung zu stellen, nimmt ab. Man merke: Wer sich nicht engagiert, hat dann keinen Grund zu meckern, wenn es nicht in seinem Sinne läuft: Les absents ont toujours tort!