Letzte Nacht sind sie in Rio zur Eröffnungsfeier einmarschiert, die Teams aller olympischen Nationen. Allen voran jeweils ihre Fahnenträger. Für die Schweiz schritt Giulia Steingruber voraus – sichtlich stolz und selbstbewusst. Ein würdiges, sympathisches «Aushängeschild» für den Schweizer Sport und die Schweiz.

Wohl seit die Menschen Stoffe färben, markieren Banner und Fahnen symbolisch ihre örtliche Präsenz. Zunächst Stämme, Sippen, Völker, dann Adelsgeschlechter, Städte, Staaten – und natürlich nationale Sportteams – machten und machen mit einem blossen Stück Tuch auf den ersten Blick klar, mit wem es Freund und Feind zu tun haben.

In diesem Sinne konnten und können Flaggen beruhigend, einladend, heimelig wirken – oder eben durchaus auch alarmierend, abschreckend, gar Angst einflössend.

Selten ein einig Volk von Fahnenschwingern

Manche Völker und Länder huldigen ihren Nationalfahnen schon fast penetrant und rücken diese schier religiös-verklärt bei jeder Gelegenheit ins Blickfeld. Im Gegensatz dazu pflegen wir Schweizer einen nüchternen Umgang mit dem nationalen Ehrentuch. Manche sogar einen eher distanzierten. Ausgenommen dann, wenn unsere Nationalelf das Runde so richtig ins Eckige knallt, und sich die Fussballschweiz prompt als einig Volk von Fahnenschwingern zeigt.

Die ansonsten dominierende Nüchternheit liegt sicher primär am bodenständigen Charakter unseres Volkes. So stellte man zum Beispiel in der Stadt Grenchen erst nach dem 1. August – und notabene auf Nachfrage eines Journalisten – überrascht fest, dass die Uhrenstadt den jüngsten Bundesfeiertag fahnenmässig weitgehend ungeschmückt begangen hat.

Dass Hurra-Patriotismus und Fähnchenschwingen etlichen Schweizern lange eher suspekt vorkam, dürfte auch an der jüngeren Schweizer Geschichte liegen – als der «Kalte Krieg» mit dem Schnüffel- und Fichen-Staat Schweiz seine Blüten trieb. Durchaus eine Phase, welche die Vaterlandsliebe auch senkrechter Eidgenossen etwas abzukühlen vermochte.

Umso mehr konnte das Schweizerkreuz in den letzten Jahren von einer einzigen Partei vereinnahmt werden, sodass man mitunter den Eindruck haben musste, dass es sich beim weissen Kreuz auf rotem Grund um das Partei-Logo der Schweizerischen Volkspartei handeln würde. Zum letzten 1. August erinnerte prompt als einzige nationale Partei die SVP Schweiz mit einem flächendeckend geschalteten Inserat an den 725. Geburtstag der Schweiz.

Und zwar mit dem Fahnenfächer sämtlicher 26 Kantonsflaggen. Die Parade fängt zwar links korrekt 1291 mit den Bannern der Urschweizerkantone an, und hört rechts 1979 mit dem jüngsten Kanton Jura auf – doch dazwischen ist so einiges drunter und drüber geraten.

So figuriert Freiburg, immerhin bereits 1481 zusammen mit Solothurn in den Bund der Eidgenossen aufgenommen – ziemlich weit rechts aussen: nach den Tessinern (Eintritt: 1803) und den Wallisern (1815) – bei den übrigen Welschen halt. Und bei denen wusste der SVP-Inserategestalter möglicherweise nicht so recht, ob sie überhaupt «richtige Eidgenossen» sind…

Die Fahne der Menschen, die hier eine Heimat haben

Die Vereinnahmung der Schweizerfahne, ja gleichsam des «schweizerischen» kulturellen Erbes durch eine Partei, treibt mitunter geradezu skurrile Blüten. So müssen vor diesem Hintergrund heute Flagge zeigende Schweizer gewärtigen, automatisch als SVP-Sympathisanten (v)erkannt zu werden – selbst wenn sie mit dieser Partei politisch das Heu keineswegs auf der gleichen Bühne haben.

Grund genug, im Zweifelsfall lieber kein Fähnli ins Blumenkistli zu stecken, und schon gar keinen Fahnenschmuck an die Fassade zu zaubern?
Sicher nicht. Die Schweizerfahne «gehört» niemandem. Schon gar nicht nur einer einzigen Partei. Es ist die Fahne der Schweiz, der Schweizerinnen und Schweizer, der Menschen, die hier eine Heimat haben. Wagen wir Flagge zu zeigen, nicht bloss bei Spielen der Fussball-Nationalmannschaft, bei den erhofften Erfolgen unserer Athletinnen und Athleten in Rio, oder am 1. August.

Zeigen wir Flagge: Nicht für eine rückwärtsgewandte, von Mythen verklärte Sicht auf die Vergangenheit, sondern für eine weltoffene, moderne Schweiz. Für eine Schweiz, die sich und ihre Fahne nicht verstecken muss.