Stadtbummel

Falsche Vorstellungen

Einsiedelei oder doch «Scheinsiedelei»?

Einsiedelei oder doch «Scheinsiedelei»?

Sonntagmorgens lief ich aus der Einsiedelei raus gegen Rüttenen zu, als mir ein Mann in einer Luxuskarosse entgegenkam und Richtung Schlucht fuhr. «Geile Karre», dachte ich und schaute dem Benz nach. Der Fahrer sah ziemlich genau aus wie der Einsiedler.

Natürlich: Es geht mich (und Sie) gar nichts an, wer welches Auto fährt. Und tatsächlich: Weder interessiert es mich, ob jemand ÖV, Elektroauto oder V8 Biturbo fährt. Noch erwarte ich, dass im Jahr 2019 einen Mühlstein als Transportmittel nutzt, wer abgelegen in einer Schlucht wohnt.

Trotzdem ging mir das Auto nicht mehr aus dem Kopf. Es lag schlicht an den (falschen) Vorstellungen von einem Einsiedler, die sich in meinem Kopf festgesetzt hatten. Ich dachte an ein abgeschiedenes Leben, weg von der Gesellschaft, umgeben nur von der Natur. Ein wenig Mittelalter in der Moderne, ein Trotz gegen Hektik, Handysucht und Konsum. Ein Auto neben einer vermeintlichen Klause sieht da halt mehr nach Einfamilienhausquartier als nach Eremitenexistenz aus.

Ist das Eremitendasein 2019 so stadtnah überhaupt noch möglich? Der Schein wird aufrechterhalten. Die Bürgergemeinde verlangt Geld von den Gruppen, die sich mit dem Mann unterhalten möchten. Professionelle Fotografie oder Anlässe sollen nur mit Erlaubnis der Behörde möglich sein. Man hat ein Reglement erlassen, das verhindern soll, dass der Ort für «Ruhe und Besinnung» durch Jubel und Trubel seine Unschuld verloren geht. Und die Tradition funktioniert: Man kann tatsächlich Ruhe und Gespräch finden. Tausende werden bald wieder Kerzen dort ablegen, weil der Ort reale Besinnung verspricht.

Aber wie viel ist vom Mythos übrig, wie viel ist nur noch Kulisse, auch wenn wir dies nicht zugeben wollen? Wann lässt man eine Tradition als überflüssig gehen, warum werden andere noch immer gelebt und warum behält man andere am Leben, obwohl alle wissen, dass es eigentlich nur Kulisse ist? Es geht nicht nur um die Einsiedelei. Hans Roth ist fast tot. Der Mythos scheint ausgedient zu haben, nur noch das Bier im neudeutschen «Red John» hält die Erinnerung ein wenig aufrecht. Märet und Fasnacht dagegen sind lebendig. Leben wir sie – und schauen nicht in jedes Auto, das an uns vorbei fährt.

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