Wangen bei Olten

Es herrscht Ruhe um das Minarett, aber . . .

Vor zehn Jahren errichtet: Minarett des Türkischen Kulturvereins Olten beim Bahnhof Wangen  ,

Vor zehn Jahren errichtet: Minarett des Türkischen Kulturvereins Olten beim Bahnhof Wangen  ,

Kommentar von Beat Nützi zum Minarett in Wangen bei Olten, dessen Bau sich zum zehnten Mal jährt.

Vor zehn Jahren gingen die Wogen hoch, als nach einem dreijährigen politischen und juristischen Streit in Wangen bei Olten ein sechs Meter hohes Minarett errichtet wurde. Wie aufgeheizt damals die Stimmung war, widerspiegelte sich auch in der im gleichen Jahr vom Volk gutgeheissenen Volksinitiative «Gegen den Bau von Minaretten».

Die «Grauen Wölfe»

Schon vor den Plänen für ein Minarett zog der Türkische Kulturverein Olten, der sich zum sunnitischen Islam bekennt, immer wieder das Augenmerk auf sich. Vor allem mit dem Hissen eines Banners mit dem Symbol der «Grauen Wölfe» irritierte und verunsicherte er viele Leute – auch solche, die grundsätzlich nichts gegen die Errichtung eines Minaretts hatten. Denn im Internet war viel Besorgniserregendes über die «Grauen Wölfe» als rechtsextreme Türkenbewegung zu erfahren, zum Beispiel auch, dass der Verein in Wangen bei Olten zu extrem-nationalistischen Gruppierungen gezählt werde. Das im Winde wehende Symbol der «Grauen Wölfe» und das im Kultusraum gegenwärtige Konterfei von Alparslan Türkes, Gründer der faschistischen Nationalen Aktionspartei (MHP), verstärkten diese Vermutung. Skepsis wurde laut. Man befürchtete, in Wangen bei Olten könnten sich unter dem Deckmantel des Islam in Schafwolle gepackte (graue) Wölfe breitmachen. Diesbezüglich wurden auch Sicherheitsbedenken laut, als im September 2015 das Vereinslokal verschmiert wurde, unmittelbar vor der Ankündigung einer Kurden-Demonstration in Olten «gegen Faschismus und türkischen Staatsterror», die jedoch nicht stattfand.

Islamistischer Terror

Inzwischen weht die «Wolfsfahne» nicht mehr über dem Vereinslokal in Wangen. Das kann als gutes Zeichen verstanden werden. Vielleicht hat die Entfernung dieses fragwürdigen Symbols dazu beigetragen, dass heute rund um das Vereinslokal mit Minarett in Wangen bei Olten Ruhe herrscht. Man hat sich längst an den Anblick des Gebetsturmes gewöhnt. Zudem hat sich die Angst vor dem Islam, die durch die dicke Blutspur radikal-islamistischer Terroristen genährt wurde, generell etwas verflüchtigt, weil die Aktivitäten der «Gotteskrieger» des Islamischen Staats (IS), die militärisch geschwächt wurden, nachgelassen haben.

Angst vor Islamisierung

Dass aber hierzulande gegenüber dem Islam nach wie vor grosse Vorbehalte bestehen, hat sich letzte Woche im Solothurner Kantonsrat manifestiert. In der Debatte rund um die von der SP geforderte Charta der Religionen ging es praktisch nur um die Frage, wie mit dem Islam umzugehen sei. Die Angst vor einer Islamisierung schwang mit. Vor einer Islamisierung muss man sich allerdings hierzulande (vorerst) nicht fürchten. Die Religionslandschaft der Schweiz hat sich zwar in den letzten Jahrzehnten von einer traditionell bikonfessionellen zu einer multireligiös-säkularen gewandelt. Doch der Anteil der muslimischen Glaubensgemeinschaften betrug 2015 in der Schweiz bloss rund 5 Prozent. Zum gleichen Zeitpunkt lag der Anteil der römisch-katholischen Kirche bei über 37 Prozent und jener der evangelisch-reformierten bei fast 25 Prozent. Als drittgrösste Gruppe mit knapp 24 Prozent figurieren bereits die Konfessionslosen. Das heisst: Fast jede(r) Vierte ist ohne Konfession. Die Konfessionslosen sind also für die Landeskirchen das grössere Problem als die Muslime, die mit den Christen weitgehend die gleiche Wertebasis haben.

Gleiche Wurzeln …

Christen, Juden und Muslime haben die gleichen Wurzeln. Diese liegen beim Glaubensvater Abraham, der bei den drei grossen Weltreligionen als Stammvater und gemeinsames Glaubensvorbild gilt. Und so unterschiedlich die Glaubenspraxen und religiösen Inhalte auch sein mögen, so stark ist der Monotheist Abraham im Christentum, Judentum und Islam Dreh- und Angelpunkt, wenn es darum geht, an welchen Eigenschaften sich ein gerechter Gläubiger orientieren kann. Wenn also die Wurzel dieser drei Religionen Abraham ist, dann müsste es doch möglich sein – bei allem Streit, bei aller Unversöhntheit – aus dieser Gemeinsamkeit etwas Gutes zu entwickeln. Positive und spirituelle Energien für ein besseres wechselseitiges Verstehen.

… und gleiches Ziel

Bildlich könnte man die drei Religionen, wie auch andere Glaubensgemeinschaften, wie folgt darstellen: Alle blicken hinauf zu einem Berggipfel, der eine höhere Macht verkörpert. Und alle Gemeinschaften unterscheiden sich bloss darin, dass sie einen eigenen Weg zum Gipfel wählen. Wer gemeinsame Wurzeln und das gleiche Ziel hat, sollte eigentlich in friedlicher Koexistenz miteinander leben können. Ganz besonders, wenn es sich um Religionsgemeinschaften handelt. Und deren Gebetshäuser sowie deren Symbole wie beispielsweise ein Minarett sind keine Bedrohung, solange sie Gemeinschaften gehören, die sich auf der verfassungsmässigen Grundlage eines Landes bewegen und den politisch-gesellschaftlichen Gepflogenheiten Beachtung schenken. Darauf ist zu achten – auch beim Türkischen Kulturverein in Wangen bei Olten. Ansonsten soll gelten: Es lebe die in der Bundesverfassung verankerte Religionsfreiheit!

Jede Freiheit hat Grenzen

Doch wie jede Freiheit hat auch die Religionsfreiheit Grenzen. Sie beginnen dort, wo jemand ein Freiheitsrecht egoistisch nur für sich in Anspruch nimmt, wo Fundamentalismus ausgrenzt und Offenheit verhindert, wo Andersdenkende nicht respektiert werden, wo die Gefahr von Parallelgesellschaften entsteht. Oder anders ausgedrückt: Freiheit verträgt sich nur schlecht oder gar nicht mit Fundamentalismus und Ultranationalismus. Und schon gar nicht mit «Grauen Wölfen». Das gilt auch für den Türkischen Kulturverein Olten. Selbst wenn jetzt die «Wolfsfahne» in Wangen bei Olten nicht mehr flattert, heisst das noch lange nicht, dass unter dem Dach des Vereinslokals die «Wolfsgefahr» gänzlich gebannt ist. Wie dem auch sei, bedenklich ist, dass dem Vernehmen nach der Türkische Kulturverein Olten noch immer ein isoliertes Eigenleben führt, ohne Kontakt mit der Dorfbevölkerung in Wangen. Das sollte, ja muss sich ändern. Nicht nur der Verein, sondern auch die Gemeinde ist hier gefordert.

beat.nuetzi@schweizamwochenende.ch

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1