Gastkolumne

Es braucht Mut, Kunst zu machen

Das Scheitern gehört zur Kunst dazu, sagt Reina Gehrig.

Das Scheitern gehört zur Kunst dazu, sagt Reina Gehrig.

Eine Gastkolumne von Reina Gehring, Leiterin der Solothurner Literaturtage, über den Umgang mit dem Risiko des Scheiterns während der Solothurner Literaturtage

Die 39. Solothurner Literaturtage sind seit ein paar Wochen passé und wir schauen zufrieden zurück auf über 130 Veranstaltungen. Mindestens 120 von ihnen waren ganz wunderbar, ein paar wenige gelangen nicht.

Mein Terminkalender ist im Moment gefüllt mit Auswertungssitzungen, an denen evaluiert wird, was optimiert werden kann und wie man Fehler korrigieren kann, damit nächstes Jahr dann mindestens 125 Veranstaltungen ganz wunderbar gewesen sein werden.

Und was ist mit den anderen fünf, werden Sie jetzt denken? Nimmt sie tatsächlich in Kauf, dass diese fünf Veranstaltungen misslingen?

Ja, das nehme ich. Denn würde ich wollen, dass alle, aber wirklich alle Veranstaltungen reibungslos und harmonisch verlaufen und gefallen, müsste ich das Risiko eines Scheiterns so gering wie möglich halten. Die Technik würde grösstenteils weggestrichen, denn eine Panne, insbesondere mit Beamer und Power Point, ist nie auszuschliessen.

Alle Lesungen wären klar durch orchestriert, damit sicher keine Moderation zu lang, zu kurz, zu langweilig wäre oder sonst aus dem Rahmen fallen würde. Experimentelle Formate würden ganz gestrichen. Und wir würden ein Ticketingsystem einführen, dass jegliches Gedränge eliminieren würde. Aber auch jegliches spontane Besuchen einer Lesung eines Autors, einer Autorin, den oder die man noch nicht kennt. Vielleicht wäre es sogar gut, die Lesungen im Vorfeld zu proben und dann online im Vorfeld zu publizieren, damit jeder und jede weiss, was ihn erwartet und er dann sicher nicht enttäuscht aus der Veranstaltung geht.

Ähnliche Vorgehensweisen sind die Norm bei Broadway Produktionen, grossen Musicals oder ähnlichen Veranstaltungen. Das hat seine Berechtigung und ich möchte dem seine Legitimation nicht absprechen. Aber die Solothurner Literaturtage sind ein Forum für zeitgenössisches Literaturschaffen. Ein Ort, an dem ausprobiert wird, neue Formate erprobt werden und es immer um Menschen auf Bühnen geht. Alles passiert live und zum ersten Mal.

Da gehört das Scheitern dazu – aber auch das Fliegen. Denn wenn wir etwas von Kunstschaffenden lernen können, dann (unter anderem) das: Es braucht Mut, Kunst zu machen und sich zu exponieren. Und das Scheitern gehört zur Kunst dazu. Der Autor Michael Fehr hat an einer Lesung vor 150 Kantonsschülern gesagt, dass er oft Texte für den Papierkorb produziert. Aber dann kommt etwas Gutes, und zwar etwas richtig Gutes. Und dafür arbeitet er.

Richtig Gutes gab es an den 39. Solothurner Literaturtagen. Und diese Momente geben uns den Elan, die neue, die 40. Ausgabe, mit Freude anzupacken.

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