Es war am Ende einer langen Wanderung in den Bergen, als ich im Schlussabstieg zwei älteren Menschen über den Weg lief, die ich flott zu passieren gedachte. Doch es kam anders. Sie hielten mich freundlich an und sagten mir, sie müssten mir unbedingt etwas erzählen.

Nun, unten im Tal würde zwar in Kürze das letzte Postauto fahren, doch die angebotene Erzählung mochte ich mir gleichwohl nicht entgehen lassen. Ebenso banal wie wahr: Tatsächlich war dem 77-jährigen Mann und seiner ein Jahr jüngeren Frau innerhalb einer Wegstrecke von 50 Metern jeweils die linke Sohle des Bergschuhs abhandengekommen. Beziehungsweise: Die guten Teile hatten sich schlicht und ergreifend abgelöst und führten fortan ihr trauriges Eigenleben.

Ich schaute die beiden sympathischen Mitwanderer mit der richtigen Dosis Mitleid und warf tröstend ein, ein patenter Schuhmacher kriege das sicher wieder hin – und schickte mich an, meinen Marsch fortzusetzen. Da meinte die Frau mit einem feinen Lächeln und einer Träne im Augenwinkel: «Wissen Sie, das ist unsere letzte gemeinsame Wanderung. Ich bin krank, mir bleiben nur noch ein paar Wochen. Dass uns beiden an diesem Tag die Sohlen von den Schuhen
fallen, ist. . .» Danach schwiegen wir lange, ehe ich mich mit einem festen Händedruck verabschiedete. Sagen konnte und wollte ich nichts. Es war auch nicht nötig. Und das Postauto war mir egal.

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