Ferien ade, Schule olé! Wie immer sind die langen Sommerferien viel zu schnell verstrichen. Konnte man in der vergangenen Woche noch am Meer, am See oder in der Badi liegen und dabei ein leckeres Eis verdrücken, so gehts heute Montag wieder zurück ins Klassenzimmer. Für rund 6000 Kinder im Kanton Solothurn beginnt heute gar ein neuer Lebensabschnitt: je 3000 gehen zum ersten Mal in den Kindergarten oder neu in die Schule. Und zahlreiche Lehrkräfte haben sich von Neuem einem anspruchsvollen Bildungsauftrag zu stellen. Sie sehen sich konfrontiert mit jungen Menschen, die sie angemessen zu fordern und zu fördern haben. Bei nicht wenigen Kindern und Jugendlichen hat eine permanente Reizüberflutung Fähigkeiten und Potenziale zugeschüttet, die es zu erkennen, freizulegen und zu entfalten gilt. Das müssen die Lehrkräfte ungestört tun können.

Vier Szenarien zur Frage: Wie soll sich die Schule entwickeln?

Doch unsere Volksschule, die sich ständig zu entwickeln hat, steht in einem anhaltenden Spannungsfeld zwischen rückwärtsgewandten Bewahrern und vorauseilenden Reformeiferern. Die Volksschule, die über Jahrzehnte als Klammer der Gesellschaft funktionierte, ist noch aus einem weiteren Grund unter Stress geraten: Weil die moderne Gesellschaft heute sehr fragmentiert ist, haben sich auch die Erwartungen der Eltern in unterschiedliche Richtungen entwickelt. Wie wird sich die Volksschule unter diesen Vorzeichen entwickeln? Zu dieser Frage hatten die Schweizerische Vereinigung für Zukunftsforschung swissfuture und die Pädagogische Hochschule Zürich im Zusammenhang mit den Diskussionen rund um den Lehrplan 21 vier Szenarien skizziert:Szenario 1: Die Schule als Marke. Kinder erhalten Bildungsgutschriften, welche an lizenzierten Privatschulen eingelöst werden können. Die Schulen haben unterschiedliche Profile und Schwerpunkte. Im Mittelpunkt steht die Förderung individueller Talente. Der Schulmarkt ist internationalisiert und die Qualität der Schulen wird regelmässig in internationalen Schul-Rankings gemessen. Talent-Scouts renommierter Universitäten, Forschungseinrichtungen und Unternehmen suchen besonders begabte Kinder und fördern sie speziell.

Szenario 2: Die Schule als Holding. Unter pädagogischer Führung beteiligen sich Sportvereine, lokale Unternehmen, Eltern und Grosseltern an der Bildung der Kinder. Lernanlässe werden, wenn immer möglich, in der konkreten Lebenswelt gesucht. Lerninhalte werden exemplarisch vertieft, um die Methodenkompetenz einzuüben. Die Autonomie lokaler Schulen bleibt wichtig.

Szenario 3: Der Gesellschaftserziehungsauftrag. Viele Schulversuche und Reformen der letzten Jahrzehnte werden rückgängig gemacht. Die Schulen legen grossen Wert auf Tugenden wie Disziplin und Ordnung. Die Eltern werden deutlich stärker in die Pflicht genommen, sich um die schulischen und erzieherischen Belange ihrer Kinder zu kümmern. Die Verschulung (örtliche und zeitliche Ausdehnung der pädagogischen Betreuung) schreitet voran.

Szenario 4: Die Schule brennt: Aufgrund der prekären Lage der öffentlichen Finanzen fehlen den Schulen verschiedene Instrumente wie Stützunterricht und Sonderförderung. Zugleich nimmt besonders in Agglomerationsgemeinden der Anteil bildungsferner Familien zu. Die Schule soll sozialeFehlentwicklungen korrigieren, wird dafür aber nicht alimentiert. Es entsteht ein wachsender Markt privater Schulen, die teilweise religiös gefärbt sind.

Eltern und Schule müssen partnerschaftlich handeln

Natürlich stossen solche Szenarien auf mehr oder weniger Zuspruch und Ablehnung. Auf der einen Seite sind jene, die versuchen, die lose Klammer mit Vereinheitlichung und zentraler Lenkung wieder zu befestigen. Auf der anderen Seite macht man sich stark für mehr Freiraum bei der Ausgestaltung der Volksschule. Daraus ergibt sich die Frage, wie viele Unterschiede wir zulassen wollen, ohne das Verbindende der Schule aufzugeben. Dieser Frage haben sich nicht nur Bildungsfachleute zu stellen, sie betrifft die ganze Gesellschaft. Und es ist eine rote Linie zu ziehen: Bei der Wahrung der Chancengleichheit im Bildungswesen, die nicht unterhöhlt werden darf. Schliesslich ist sie ein Gebot von Verfassung und Volksschulgesetz. Danach hat jeder Schüler Anspruch auf eine seinen geistigen, seelischen und körperlichen Fähigkeiten angemessene Bildung. Und verankert ist in Verfassung und Volksschulgesetz ebenfalls, dass Erziehung und Ausbildung partnerschaftliche Aufgaben von Eltern und Schule sind. Wenn sich also Politik und Schulreformer an Verfassung und Gesetz halten, sollte eigentlich nichts schiefgehen. Das setzt allerdings voraus, dass für Um- und Ausbauten im Bildungshaus immer auch die nötigen Mittel für Betrieb und Unterhalt gesprochen werden.

Digitalisierung wälzt auch die Schulen um

Wenn es um Chancengleichheit geht, zählt das ganze Paket. So ist etwa die Feststellung, dass ein einheitlicher Lehrplan 21 unter den angeschlossenen Deutschschweizer Kantonen für mehr Chancengleichheit sorgt, grundsätzlich richtig. Wenn aber die Schulen unterschiedlich alimentiert werden, wie es zum Beispiel bei der Digitalisierung, das heisst bei der Einführung des neuen Fachs «Medien und Informatik» der Fall ist, kann in diesem wichtigen Bereich nicht mehr von gleichen Chancen für alle gesprochen werden. So gibt es etwa Primarschulen, in denen bereits Erstklässler an einem interaktiven Smartboard und am Tablet-Computer arbeiten, während anderswo noch an der klassischen Tafel unterrichtet wird. Leider mangelt es nicht immer nur an den Finanzen, sondern nicht selten auch am Willen von Lehrkräften, die nicht einsehen wollen, dass die Digitalisierung nicht bloss die Arbeitswelt umwälzt, sondern desgleichen die Schulen. Deshalb sieht der Lehrplan 21 vor, dass Kinder bereits auf der Mittelstufe der Primarschule die Grundzüge des Programmierens lernen sollen – überall!

Gutes Schulklima fördert die Lernbereitschaft

Inhaltlich hat sich die Schule grundsätzlich darauf auszurichten, dass die ihr anvertrauten jungen Menschen nicht nur Bildung vermittelt bekommen, sondern umfassend auf das Leben und die Arbeitswelt vorbereitet werden. Das wird dort schwierig, wo es Lehrkräften und Schülerschaft nicht gelingt, eine Unterrichtssituation herzustellen, die erfolgreiches Lehren und Lernen ermöglicht. Der Bildungsauftrag der Schule ist nur zu erfüllen in einem Schulklima, das der Lernbereitschaft förderlich ist. Das setzt Lehrkräfte voraus, welche durch pädagogisches, didaktisches und methodisches Geschick die jungen Menschen begeistern und zu guten Leistungen anspornen können. So entsteht Brainpower. Begeisterung ist der beste Dünger fürs Gehirn!

beat.nuetzi@azmedien.ch