Stadtbummel

Die Sinnkrise oder der Sinn der Krise

Das Home Office bringt auch Nähe. (Symbolbild)

Das Home Office bringt auch Nähe. (Symbolbild)

Vielleicht blicken wir Ende Sommer mit Wehmut auf diese Tage zurück: Endlich hatten wir mal wieder Zeit für den Partner oder die Familie. Wie war das doch schön daheim! Man war zwar zum Home Office verdonnert worden oder musste mit den Kindern Hausaufgaben lösen, man lebte vielleicht auf engem Raum – doch man erlebte etwas, das in den letzten Monaten zu kurz kam: Nähe. Man konnte wieder vermehrt zusammen essen, gemeinsam kochen und Rezepte ausprobieren, die jahrelang in der Schublade gelegen hatten. Vielleicht konnte man das Fasten nicht so durchziehen, wie ursprünglich am Aschermittwoch geplant, vielleicht erreichte man zur Badi-Eröffnung die Bikini-und-Badehose-Figur nicht, aber man konnte miteinander Zeit verbringen. Vielleicht ist das der Grund für die aktuelle Krise.

Vielleicht schätzen wir Ende Sommer umso mehr, was wir von März bis Mai nicht haben durften: mit Freunden auf dem Aaremürli sitzen, ein Öufi-Bier geniessen, mit den Nachbarskindern im Quartier spielen, wieder mal auswärts in einem Restaurants essen, auf dem Samstagmäret bummeln, mit Bekannten in der Einsiedelei spazieren, im Verein gemeinsam Sport machen oder mit dem Rentnerquartett in der Altstadt jassen. Ins Stadttheater oder ins Köfu gehen, eine Kunstausstellung besuchen oder ins Kino. Und vielleicht schätzen wir auch: in die Schule gehen, im Büro die «öden Gesichter» unserer Arbeitskollegen sehen, mühsame Kunden bedienen, vom Chef einen schier unlösbaren Auftrag erhalten. Wir lernen das Entbehrte zu würdigen. Vielleicht ist das der Grund für die aktuelle Krise.

Und vielleicht geht Ende Sommer alles weiter wie vor dem Corona-Virus. Man ist schnell wieder im alten Trott und führt sein Leben weiter, als ob nichts gewesen wäre. Man pendelt in vollgestopften Zügen, man arbeitet fleissig, hat Termine von früh bis spät. Und man vergisst, all dies zu machen, was man sich Ende März vorgenommen hat, da doch jetzt die Zeit dazu fehlt. Man verdrängt die guten Ideen von Entschleunigung, von «mehr im Moment leben». Vielleicht ist das der Grund für die aktuelle Krise: Wir sollen jetzt darüber nachdenken, was wir nachher machen wollen. Mit uns selbst. Mit unseren Mitmenschen. Mit Solothurn. Voila. 

Meistgesehen

Artboard 1