Ist ein hoffnungslos Rückwärtsgewandter, wer sich gegen die Fusion Solothurns mit Zuchwil ausspricht? Ist ein weitsichtiger Zeitgeist, wer sich dafür einsetzt? Als Quintessenz der teilweise heftigen Diskussionen zum Zusammengehen der beiden Gemeinden könnte man zu diesen Schlüssen kommen. Doch es ist, wie so oft im Leben, etwas komplexer.

Ende Monat wird die «Sieben-minus-zwei-minus-drei-Fusion» Solothurn endgültig auf Eis gelegt – wenn es nach dem Willen des FDP-Finanzpolitikers Beat Käch geht. Er, der sich als eines der wenigen Solothurner Schwergewichte nicht scheut, öffentlich gegen die Restfusion anzutreten.

Sein Hauptargument: Das mühsam aufgebaute Vermögen der Stadt würde angesichts der Zuchwiler Schulden glattweg halbiert. Es geht um einen stolzen zweistelligen Millionenbetrag.

Zumindest hinter vorgehaltener Hand sind regelmässig markante Städter-Stimmen zu hören, die dem Käch-Lager zuzuordnen sind. Nicht immer sind dabei nur Franken und Rappen ausschlaggebend, oft wird eine Stadterweiterung allein mit Zuchwil als wenig sinnvoll eingestuft:

«Zuchu» sei weder gesellschaftlich noch politisch eine Bereicherung. Zweifellos ein hartes Urteil, wobei auch die Zuchwiler durchaus ihre Vorbehalte haben: Trotz der materiellen Anreize fürchten sie nicht ohne Grund, im angedachten Konstrukt marginalisiert zu werden.

Hin- und hergerissen

So erstaunt es wenig, dass man selbst Tage vor der entscheidenden Urnenabstimmung in Gesprächen auf etliche Unentschlossene stösst. Und zwar in beiden Gemeinden. Offenbar hat auch die lancierte Pro-Kampagne mit einem Stadttheater für Zuchwil und einer Eisbahn für Solothurn nicht zu überzeugen vermocht.

Im Gegenteil: «Völlig dämlich, alle nutzen bei Bedarf eh alles, welch skurrile Botschaft» ist nicht bloss von kritischen Geistern zu hören. Kaum wesentlich weiter scheinen im Zweifelsfall die Fakten zu helfen, so sie denn überhaupt bekannt sind. Mit andern Worten, am 28. Februar werden die (mehr oder weniger vollen) Bäuche entscheiden.

Wenig Druck bedeutet ein Nein

Das war zu ehrgeizig: Die Stadt Solothurn sollte mit sechs umliegenden Gemeinden verschmolzen werden. Zwei naheliegende, Feldbrunnen und Rüttenen, waren dabei nicht einmal ein Thema. Und wenn schon Luterbach in der engeren Auswahl war, hätte Riedholz durchaus auch auf der Kandidatenliste figurieren können.

So lückenhaft das Projekt war, so gross waren letztlich die Lücken auf der Landkarte der angedachten Grossstadt Solothurn. Als es zur Sache ging, wollte niemand mehr, weil niemand wirklich muss. Bei nüchterner Betrachtung nicht einmal das verbliebene Zuchwil.

Und genau hier liegt der Hase im Pfeffer. Kommunen bis 2500 Einwohner werden in Zukunft noch weit stärker als bisher unter Druck kommen, sich zusammenzuschliessen. So die Experten, und die liegen längst nicht immer daneben. Die Verantwortlichen in den Kleinstgemeinden können ein Lied davon singen, denn die Bewältigung der gestiegenen Anforderungen gestaltet sich immer schwieriger.

Auffällig: Seit dem Jahr 2000 ist die Zahl der Fusionen in unserem Land deutlich angestiegen – von den damals 2900 Gemeinden sind inzwischen gerade noch 2300 übrig geblieben. Die Praxis zeigt:

Werden diese Fusionen sorgfältig und mit dem nötigen Fingerspitzengefühl aufgegleist, steigt die Akzeptanz in der Bevölkerung deutlich. Die Opponenten laufen ins Leere. Die Ausgangslage für Solothurn, Zuchwil und die weiteren zur Diskussionen gestandenen Gemeinden ist nicht vergleichbar.

Bei diesen Einwohnerzahlen stehen nicht Zwangslösungen im Vordergrund, sondern das Schaffen von Perspektiven. Es geht darum, ein starkes, leistungsfähiges und prosperierendes Gemeinwesen für kommende Generationen zu schaffen. Eine Idee, die offenbar nicht wenige Individuen im Hier und Jetzt überfordert.

Die diversen Reaktionen zeigen: Detailprobleme werden weit höher gewichtet als die Vorzüge einer Gesamtlösung. Übrigens, die Bemühungen Solothurns zu wachsen sind längst kein Einzelfall. So werden zum Beispiel auch in Sitten, Neuenburg und Bellinzona ähnliche Überlegungen angestellt.

Agglomerations-Fusionen brauchen ihre Zeit. Grosse Würfe sind entsprechend schwierig. In den ausgestiegenen Gemeinden dürfte man mit Argusaugen auf den Ausgang der kommenden Abstimmung schauen. Fällt das Ergebnis positiv aus, könnte Solothurn-Zuchwil zum Gradmesser für spätere Anläufe avancieren. Gut würde heissen, dass die Strukturen konsequent angepasst und die Synergien tatsächlich genutzt werden.

Nur wenn es in der Folge gelingt, positive Akzente zu setzen, wird sich die Bevölkerung mit dem neuen Konstrukt rasch identifizieren – was gleichzeitig eine aufgeschobene Einladung an Abseitsstehende wäre. Sollte dagegen selbst der kleine Wurf nicht durchkommen, könnte man zumindest von einer allgemeinen Annäherung an das Thema Gemeindefusion sprechen. Und Beat Käch könnte morgen in einer Woche zufrieden anstossen – auf seine Stadt in den bisherigen Grenzen.