Kommentar

Die Kirche schneidet sich ins eigene Fleisch

Pfarrer Andy Jecklin bei seiner Installation im Dezember 2015. (Archiv)

Pfarrer Andy Jecklin bei seiner Installation im Dezember 2015. (Archiv)

«Pfarrer Andy Jecklin soll nicht mehr in Erlinsbach arbeiten dürfen, weil sein Zuhause in Schönenwerd ist.»

Gut zwei Jahre ist es her, seit Andy Jecklin in Erlinsbach seine Tätigkeit als Pfarrer der reformierten Kirche aufnahm. Dieses Amt soll er nun nicht mehr ausführen dürfen, da er im rund vier Kilometer entfernten Schönenwerd zu Hause ist. Dort lebt er seit sieben Jahren mit seiner Familie, zu der vier Kinder im schulpflichtigen Alter gehören.

Zur Erinnerung: Erst vor zwei Jahren hat die benachbarte Synode der reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn 50 000 Franken in einen Sonderkurs gegen den drohenden Pfarrermangel investiert. Die Auswahl an reformierten Pfarrern scheint demnach begrenzt zu sein.

Eine Kirchgemeinde müsste also dafür sorgen, Hindernisse für geeignete Interessenten möglichst aus dem Weg zu schaffen, besonders, wenn ein Pfarrer bei den Kirchenmitgliedern grossen Anklang findet. Der regelrechte Volksaufstand, welcher letztes Jahr in Erlinsbach für Andy Jecklin stattgefunden hat, sollte dafür Beweis genug sein.

In Anbetracht dessen ist die Anforderung der Kirchenordnung, wonach ein Pfarrer zwingend an seinem Arbeitsort wohnen muss, heute nicht mehr nachvollziehbar. Trotzdem hat die Synode vor einem Monat bei der Gesamtrevision der Kirchenordnung an der Wohnsitzpflicht festgehalten, und der Synodalrat besteht im Fall Erlinsbach auf ihrer Einhaltung.

Die Evangelisch-reformierte Kirche Kanton Solothurn muss sich die Frage stellen, ob die Wohnsitzpflicht in einer Zeit des akuten Pfarrermangels für sie noch tragbar ist. Der Fall Jecklin macht deutlich: Nein, denn die Kirche schneidet sich mit künstlichen Hindernissen wie diesem ins eigene Fleisch.

 redaktion@oltnertagblatt.ch

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