Gastkolumne

Die Erde entwickelt sich nicht so wie erträumt

Wie darf man den zunehmenden Abfall auf öffentlichen Plätzen, im Wald sowie entlang von Strassen und Flüssen deuten? (Symbolbild)

Wie darf man den zunehmenden Abfall auf öffentlichen Plätzen, im Wald sowie entlang von Strassen und Flüssen deuten? (Symbolbild)

Der Oltner Rhaban Straumann, Schauspieler, Satiriker und Schriftsteller, über den dunklen Fleck in den Schweizer Köpfen.

Der Mehrheit im Land geht es wohl so gut wie nie zuvor. Unsereins zählt tatsächlich – gemessen am Einkommensniveau – zum reichsten Zehnprozent der Erde. Trotzdem dünkt mich, es lauere in des Schweizervolks Köpfen ein hinterlistiger dunkler Fleck. Wie gesagt: Wir haben mehr als genug, können fast alles kriegen, was das Herz begehrt – via Internet gar in an Tempo und Masse schier unermesslich gesteigerter Form – trotzdem ist er da, dieser heimtückische Schatten.

Ausdruck findet er in Form latenter Unzufriedenheit hier, als virtuelle Wut da, via überbordende Gleichgültigkeit hüben oder durch defizitäre Wertschätzung drüben. Ist das des Schweizers Naturell? Kaum. Hier aufs Lokale zu fokussieren, wäre danebengegriffen. Die Realität ist global. Auch unsere. Auch das Surreale. Ein Weltgefühl. Was aber genau brodelt da?

Es ist surreal. Es geht nicht um grosse Zusammenhänge – zumindest vorerst nicht – sondern um banale Alltäglichkeiten. Um Fragen wie diese: Wie darf man den zunehmenden Abfall auf öffentlichen Plätzen, im Wald sowie entlang von Strassen und Flüssen deuten? Woraus ist die ausufernde Gratismentalität erwachsen? Woher kommt das Wertschätzungsdefizit gegenüber Lehrkräften und Lebensmitteln, Natur und Kultur, Gewaltentrennung und Demokratie? Wann begann der Gemeinschaftssinn zu schrumpfen? Was flüstert uns die schwindende Stimmbeteiligung ins rechte Ohr? Warum wird mehr daran gedacht, was man nicht hat? Was von alledem ist neu? Und weshalb bitteschön soll das moralisch sein? Wer hat die Antworten? Die Wirtschaft? Parteien oder Politik? Kultur und Philosophie? Schule oder Eltern? Kirche und Elite?

Antworten werden geliefert. Bestimmt und offensichtlich. Nur, sind es die richtigen? «Mehr Wettbewerb» rufen die einen, ein offenbar unheilbar krankes Gesundheitssystem präsentieren die andern und teilen uns mit: «Unspektakulär gebären rentiert nicht.» Wie pervers ist das?

Der Klimawandel schwelt weiter und Schönwetter-Radiomoderatoren zelebrieren die Oberflächlichkeit. Events und Prominenz scheinen wichtiger als Kunst und Kultur. Manager zocken weiter und um Defizite zu tilgen wird am Mensch gespart. Journalisten müssen unter Zeitdruck Artikel hervorzaubern und Politikerinnen feiern die Wahl mit peinlich tiefer Stimmbeteiligung als Sieg. Sind das die Antworten, welche erwartet wurden? Fühlt man sich so ernst genommen?

Es mutet seltsam an, aber allen Fragen, falschen und alternativen Antworten gemeinsam zu sein scheint ein Defizit an echten Begegnungen. Da sich Menschlichkeit nicht rechnet, wird ihr die Zeit gestrichen. Beruflich und privat. In den Spitälern fehlt die Zeit, um zuzuhören, dem Paar für die Liebe, der Postbotin für den Schwatz, dem Konsumenten fürs Einkaufserlebnis, den Fakten für die Recherche. Was tun? Hoffen? Glauben? Sich engagieren? So tun, als wäre nichts? Gangbare Möglichkeiten. Nicht alle gleich effektiv. Der dunkle Fleck scheint der Mangel daran zu sein, was nicht käuflich, nicht zählbar ist. Dieser Schatten wäre überwindbar.

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