Wochenkommentar

Die «Dinosaurier» auf den Strassen verlieren an Sex-Appeal

Hochleistungs-Ladestation für Elektroautos.

Hochleistungs-Ladestation für Elektroautos.

Wochenkommentar zu Meinungsmachern, die einen neuen Trend beim Autokauf setzen – gut möglich, dass das Fussvolk aufspringt.

Der Mensch liebt es, mobil zu sein. Die Steigerung dabei ist die individuelle Mobilität. Besonders verlockend ist es jedenfalls nicht, am Morgen im Halbschlaf respektive abends abgekämpft in einem überfüllten, stickigen öffentlichen Verkehrsmittel auf Sardine zu machen. Wer sich das Leben so eingerichtet hat, dass er im Alltag lediglich kurze Distanzen zurücklegen muss, setzt vermehrt aufs Velo (mit oder ohne Antriebshilfe). Es ist nicht nur ultimativ umweltfreundlich, sondern mittlerweile auch höchst trendy.

Gilt es grössere Distanzen zu bewältigen, wird es mit der individuellen Fortbewegung deutlich schwieriger: Unsere Strassen waren auch schon weniger befahren und als Solist ein anderthalb Tonnen schweres Vehikel mit Verbrennungsmotor in der Weltgeschichte herumzukutschieren, bekommt dem ökologischen Fussabdruck nicht wirklich gut. Wer sich darüber null Gedanken machen mag, kann hier aus diesem Text aussteigen und weiterblättern.

Sie sind drangeblieben. Gut. Denn es zeichnet sich eine Lösung für Individualisten ab. Nicht unbedingt, was die mittlerweile chronisch verstopften Hauptverkehrsachsen anbelangt, sondern das zumindest unterschwellig vorhandene schlechte Gewissen in Bezug auf die Luftverschmutzung, sprich CO2-Belastung.

Erfolg bewegt

Wundermaschinen haben aus dem Nichts heraus die automobile Oberklasse durcheinandergewirbelt und sorgen auch bei Managern auf Schweizer Teppichetagen für Schmetterlinge im Bauch. «Tesla» heisst der begehrte Flitzer. Es handelt sich um ein Premium-Elektromobil aus den Vereinigten Staaten: ausgesprochen umweltfreundlich, leise, komfortabel, mit einem sagenhaften Drehmoment (also viel Kraft). Und das kommt hinzu, mit einem schmalen Portemonnaie ist der Flitzer nicht kompatibel. Was dem Erfolg dieses Autos absolut keinen Abbruch tut. Im Gegenteil. So elitär sich die Erfolgsgeschichte anhört, so bahnbrechend könnte sie sich über kurz oder lang erweisen. Ganz einfach deshalb: Wer etwas auf sich hält, fährt wenn möglich dieses luxuriöse Ding. Damit werden Elektrofahrzeuge nicht bloss wahrgenommen, sie entwickeln sich zu einem begehrenswerten Prestigeobjekt. Dieser Trend ist bereits voll im Gange.

Die europäischen Autobauer, bisher im oberen Preissegment weltweit unangetastet, sind vom Erfolg des Amis völlig auf dem falschen Fuss erwischt worden und versuchen nun, auf breiter Front Gegensteuer zu geben. Kein Wunder, mit der steigenden Akzeptanz von batteriegetriebenen Fahrzeugen in breiten Bevölkerungskreisen zeichnet sich auch in der Klein- und Mittelklasse ein lukratives Geschäft ab.

Batterie ist Schlüssel zum Erfolg

Das ist realistisch, denn Benzin- und Dieselmotoren sind zwar sauberer geworden, doch verkommen sie im Vergleich zu einem mit Strom gespeisten Aggregat zu Dreckschleudern. Kommt hinzu, dass ihr Wirkungsgrad deutlich schlechter ist. Und ganz wesentlich: Die Forschung und Entwicklung bei den Batterien ist in neue Dimensionen vorgedrungen. Als Folge davon konnten die Kosten massiv gesenkt und die Reichweite der Fahrzeuge erhöht werden. Das sind entscheidende Kriterien, damit Elektrofahrzeuge am Markt konkurrenzfähig sind. Sind sie es, haben sie in der Tat grosse Chancen, denn auch die Betriebskosten dürfen sich sehen lassen. Nur so nebenbei: Der Kanton Solothurn erlässt gar die Motorfahrzeugsteuer.

Zumindest jetzt noch. Fahren wir in naher Zukunft nur noch elektrifiziert herum und die (Um-)Welt ist wieder in Ordnung? Am Anlass des Energieversorgers AEK im «ausverkauften» Solothurner Landhaus hätte man diese Woche schier den Eindruck gewinnen können. Die Euphorie war laut, die kritischen Stimmen leise. Das kann für einmal nicht schaden. Unsere Erdölabhängigkeit hat ein enormes Ausmass angenommen und kommt uns teuer zu stehen. Der Schadstoffausstoss ist weiterhin hoch und die Innovationsfreudigkeit der traditionellen Autobauer bezüglich alternativer Antriebe verdiente bisher nicht gerade das Prädikat überbordend.

Nun sind sie offenbar aufgewacht. Ein Umdenkprozess hat eingesetzt. In der Vergangenheit haben sie immer wieder betont, dass die Kunden umweltfreundliche Autos gar nicht kaufen würden. Mag sein, dass dem so war. Doch jetzt geht es gar nicht mehr darum, den fahrbaren Umweltschützer anzupreisen, sondern ein Verkehrsmittel der Zukunft mit viel Sex-Appeal. Davon war auf der Heimfahrt vom Anlass im Turbo-Benziner jedenfalls nicht besonders viel zu spüren.

 theodor.eckert@azmedien.ch

Autor

Theodor Eckert

Theodor  Eckert

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