St.-Ursen-Brandstifter

Der «Grenzfall» Andres Z.

Wie kann man dem St.-Ursen-Brandstifter gerecht werden?

Wie kann man dem St.-Ursen-Brandstifter gerecht werden?

Wochenkommentar über die Frage, wie man dem St.-Ursen-Brandstifter gerecht werden kann.

Andres Z. hat ein Weltbild, das wohl nur er selber versteht.
Insbesondere träumt er von einer Welt, die frei ist von der Macht der Religionen. Als ein Fanal für die Aufklärung und für eine liberale Gesellschaft hat er am 4. Januar 2011 in der Solothurner St.-Ursen-Kathedrale Feuer gelegt.

In einem Bauwerk, das er als stellvertretendes Symbol für die Macht der Religionen beschädigen wollte – im Wissen um die entsprechend grosse Öffentlichkeitswirkung.

Bisher «nur» Angst, Schrecken und Sachschaden

«Meine Mission ist damit erfüllt – aber sie ist gescheitert», bilanzierte Andres Z. letzte Woche vor Obergericht. Gleichzeitig verneinte er die Richterfrage, ob er künftig weitere Straftaten begehen werde. Schliesslich habe er bei seinen bisherigen Taten auch nie jemanden verletzen wollen.

Die Oberrichter glaubten ihm und ordneten seine Freilassung aus der Verwahrung an. Dagegen erhob die Staatsanwaltschaft wiederum Beschwerde beim Bundesgericht. Als Zwischenerfolg können die Ankläger verzeichnen, dass «Lausanne» am Mittwoch per superprovisorischer Verfügung die Freilassung von Andres Z. – zumindest vorläufig – gestoppt hat.

Der definitive Entscheid des Bundesgerichts steht allerdings noch aus.
Andres Z. hat weder ein bewohntes Gebäude in Brand gesteckt, noch hat er Kinder missbraucht oder Frauen vergewaltigt. Dies allesamt Fälle, in denen die Forderung nach einer Verwahrung schnell einmal auf der Zunge liegt.

Und im Fall von Andres Z.? Der unbestritten psychisch Angeschlagene hat im Verlaufe seiner «Mission» im März 2009 beim Bahnhof Olten-Hammer versucht, mit einer Metallvorrichtung einen Zug zum Entgleisen zu bringen.

Er versetzte im Juli 2010 auf der Gotthardstrecke mit einer Bombenwesten-Attrappe die Zugspassagiere in Angst und Schrecken. Und mit der Brandlegung in der St.-Ursen-Kathedrale richtete er 2011 einen Sachschaden von 3,5 Mio Franken an.

Dies alles sind alles andere als Lappalien. Tatsache ist aber, dass Andres Z. bisher keinen Menschen körperlich verletzt hat und bisher auch kein entsprechender Schuldspruch gegen ihn vorliegt. Für das Obergericht war es deshalb schlüssig, dass «nur» eine versuchte, in Kauf genommene Körperverletzung nicht ausreicht, um eine Verwahrung anzuordnen.

Für die Solothurner Staatsanwaltschaft dagegen ist und bleibt klar, dass Andres Z. mit seinen offenbar untherapierbaren psychischen Störungen weiterhin gefährlich ist. Dabei stützt man sich auf die Erkenntnisse eines psychiatrischen Gutachtens – das von Z.’s Verteidiger prompt wörtlich als «Quatsch» abgetan wird.

Was, wenn er doch zum grossen Fanal schreitet?

Stellt sich die Frage, ob der Mann – sollte er denn vom Bundesgericht in die Freiheit entlassen werden – mit seinem missionarischen Eifer wird umgehen können. Oder sähe er sich plötzlich doch wieder «gezwungen», erneut ein weitherum sichtbares Zeichen für seine Sicht der Dinge zu setzen? Vielleicht ein noch grösseres, stärkeres «Leuchtfeuer»?

Was, wenn daraus dann tatsächlich schlimme Folgen für Leib und Leben von Menschen resultieren? Der vereinigte Aufschrei, dass man das doch hätte voraussehen und verhindern müssen, liesse keine Sekunde lang auf sich warten. Und er wäre durchaus nachvollziehbar.

Andres Z. hat psychische Probleme. Aber er ist – aus Laiensicht – nicht ein schon auf den ersten Blick «klarer Fall» für die Anordnung einer Verwahrung. Ist er derart gefährlich, dass man die Gesellschaft nicht anders als mit dieser ultimativen Massnahme vor ihm schützen kann? Dass man den 66-Jährigen für den Rest seines Lebens hinter Gitter sperren muss?

Ein Fall für ein psychiatrisches Obergutachten?
Was in den Köpfen der Menschen vorgeht, wissen nur sie selber – wenn überhaupt. Auch psychiatrische Gutachter «sehen» nicht alles und ihre Expertisen stellen nicht das Ergebnis einer exakten Wissenschaft dar.

Aber Gutachten können in komplexen Fällen sehr wohl eine Art «Lesehilfe» für die Richter sein. Unverzichtbar, wenn sie zu korrekten, fairen Urteilen finden wollen.
Im «Grenzfall Andres Z.» ist es durchaus denkbar, dass das Bundesgericht zum Schluss kommt, dass eine Zweitmeinung nötig ist.

Ein psychiatrisches Obergutachten also, das ein besser abgestütztes abschliessendes Urteil ermöglichen kann. Ein Urteil, das glücklicherweise nicht Sie und nicht ich fällen müssen.

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