Digitale Welt

Der digitale Wandel erfasst unsere ganze Gesellschaft

«Es ist nicht einfach nur so, dass die Kids sich in der digitalen Welt besser zurechtfinden als wir. Sie verhalten sich anders.»

«Es ist nicht einfach nur so, dass die Kids sich in der digitalen Welt besser zurechtfinden als wir. Sie verhalten sich anders.»

Gastkolumne zur wachsenden Bedeutung von Kreativität, Leidenschaft, Sozialkompetenz und kritischem Hinterfragen

Wir erleben zurzeit Veränderungen, deren Tragweite man mit der industriellen Revolution gleichsetzt und die unser privates wie berufliches Leben gleichermassen erfassen: der digitale Wandel. Es ist keine 20 Jahre her, da äusserte sich der Chef einer Schweizer Tageszeitung noch folgendermassen:

«Das Internet? – Das geht wieder vorbei. » Und heute? 52 Prozent der 500 grössten Unternehmen (Fortune 500) aus dem Jahr 2000 existieren nicht mehr. Dafür sind unter den wertvollsten Firmen heute diverse InternetGiganten wie Google, Amazon, Facebook, die kaum 20 Jahre alt sind.

Praktisch jede Branche wird vom digitalen Wandel erfasst. Und wie ein roter Faden zieht sich durch, dass nicht die etablierten Branchen-Riesen den Wandel vollziehen. Im Gegenteil. Sie wehren sich meist vehement gegen eine Veränderung.

Es sind Quereinsteiger, die aus dem Nichts auftauchen und den digitalen Wandel als Chance nutzen. Der Computer-Hersteller Apple ist heute mit seinem iTunes der grösste Musikverkäufer der Welt. Die traditionelle Musikbranche hatte sich viel zu lange gegen Internet-Downloads gewehrt und damit den Anschluss verpasst. Häufig mischen die Newcomer die Branche gleich noch mit neuen Businessmodellen auf.

Wie Airbnb, der mittlerweile weltweit grösste Anbieter von Unterkünften. Er besitzt selbst keine Immobilien, sondern eine Internetplattform, auf der Privatpersonen Unterkünfte vermieten. Oder Uber, das weltweit grösste Taxi-Unternehmen, das selbst keine Fahrzeuge besitzt, sondern eine App entwickelt hat, die es Privaten ermöglicht, Taxi-Dienstleistungen anzubieten.

Die Liste liesse sich noch beliebig ergänzen. Und es sind immer Technologie-Unternehmen, die den digitalen Wandel in einer Branche als Erste nutzen.

Welches ist wohl die nächste Branche, die vom digitalen Wandel erfasst wird und traditionelle Geschäftsmodelle zu Fall bringt? Die Autobranche? Mit dem Technologie-Freak Elon Musk mischt schon mal ein Branchenfremder die Autobranche auf. Aber der Wandel ist mit Tesla noch längst nicht vollzogen.

Das selbstfahrende Auto, das von einer vernetzten Verkehrs-Software gelenkt wird, kommt schon bald und wird radikale Veränderungen mit sich bringen. Selbstfahrende, vernetzte Autos sind deutlich sicherer, termintreuer und lassen die Reisezeit massiv effizienter nutzen. Es wird aber auch grossen Einfluss auf den öffentlichen Verkehr haben, denn das selbstfahrende Auto, das man nicht mehr besitzt, sondern bestellt, wenn man es braucht, wird die Attraktivität des Individualverkehrs gegenüber dem öV wieder massiv stärken.

Das bedeutet, der Konkurrenzvorteil des Massen-öV verschwindet. Das wiederum wird sogar Einfluss auf die Immobilienbranche haben: Die zentrale Lage einer Immobilie, der gute öV-Anschluss, was heute noch ein Verkaufsargument ist, wird dadurch plötzlich irrelevant. Das selbstfahrende Auto holt jeden zu Hause ab. Und wer weiss, vielleicht nutzen wir heutige Bahnstrecken dereinst als Hochgeschwindigkeits-Autobahnen für selbstfahrende Autos.
Ich bin überzeugt, wir sind noch längst nicht am Ende des digitalen Wandels.

Im Gegenteil. Die grössten Veränderungen stehen uns noch bevor. Und vor allem: In dieser digitalen Welt sind unsere Kinder, die Generation der Digital Natives, die Experten und wir Eltern und auch die Lehrpersonen die Laien. Eine solche Umkehrung der Rollen dürfte ein Novum in der Geschichte der Menschheit sein. Das hat weitreichende Konsequenzen. Für
die Erziehung. Für die Ausbildung. Damit müssen wir erst einmal umgehen können. Und es vor allem als Chance sehen.

Es ist nicht einfach nur so, dass die Kids sich in der digitalen Welt besser zurechtfinden als wir. Sie verhalten sich anders, gehen anders mit neuen Informationen um und entwickeln ganz andere Strategien zur Problemlösung. Es geht nicht mehr darum, möglichst viel auswendig zu lernen. Denn das Wissen der gesamten Welt steckt heute bei jedem in der Hosentasche. Mit heutigen Smartphones ist man mit der ganzen Welt vernetzt und es gibt keine Frage mehr, die man nicht sofort beantworten kann.

Indem man seine Freunde über Whatsapp fragt, indem man bei Youtube ein passendes Video zum aktuellen Problem sucht oder indem man ganz einfach Google fragt. Google beantwortet heute 5 Milliarden Suchanfragen. Täglich. Wer hat alle diese Fragen früher beantwortet – und wie lange hat das gedauert!?

Was in einer digitalen Welt viel wichtiger ist, als sich viel Wissen anzueignen: Kreativität, Leidenschaft, Sozialkompetenz, Querdenken und kritisches Hinterfragen. Denn das sind Eigenschaften, die auch morgen und übermorgen nicht von Maschinen übernommen werden.

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