Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in unsere eigene Hand nehmen». Dieser Satz, im Rahmen einer Rede an das Volk von Kanzlerin Angela Merkel locker hingesagt, markiert eine Zeitenwende – auch für uns Schweizer. Der Satz wäre nicht möglich gewesen, wenn nicht kurz zuvor Emanuel Macron überraschend klar die französischen Präsidentschaftswahlen auf der Grundlage eines kompromisslos proeuropäischen Wahlkampfes gewonnen hätte.

Während wir von aussen her nach der Brexit-Abstimmung noch auf die Nachbeben, sprich weitere Austrittsbegehrlichkeiten aus der EU gewartet haben, scheint im Inneren genau das Gegenteil zu passieren. Nicht die Kommission und nicht die Regierungen stabilisieren Europa, sondern die Wählerinnen und Wähler. Die Gegner der EU werden auf die hinteren Plätze verwiesen, während die bekennenden Proeuropäer Wahlen mühelos gewinnen. In Holland, dann in Frankreich und im September wohl auch in Deutschland. Und Theresa May verliert mit ihrem harten Brexit-Kurs sogar die sicher geglaubte absolute Mehrheit in Grossbritannien. Woher kommt aber dieses neue Bekenntnis europäischer Völker zu ihrer EU? Die Europäer wissen, dass die «starken Männer», für die sich jetzt Russland, die Türkei und auch die USA entschieden haben, keine Option sind. Und das gilt nicht nur für Deutschland. Auch anderen Ländern half der EU-Beitritt, Instabilitäten und Diktaturen dauerhaft zu überwinden. Denken wir nur an das Franco-Regime in Spanien oder die Militärdiktatur in Griechenland. Die Bürger Europas wissen sehr wohl, dass sie die Staatengemeinschaft vor nationalen Alleingängen mit ungewissem Ausgang schützt.

Wir Schweizer haben allen Grund, uns über die neue europäische Kohäsion zu freuen. Wohl und Wehe der Schweizerischen Wirtschaft hängen nach wie vor in sehr starkem Mass von der EU-Konjunktur, allen voran der deutschen Konjunktur ab. Ja, Deutschland profitiert wirtschaftlich gesehen enorm vom Euro, weil eine D-Mark unvergleichlich stärker und damit exportschwächend wäre. Und wir Schweizer profitieren konjunkturell enorm von diesem deut-schen «Euroboom». Ein Auseinanderbrechen des Euro würde für die Schweiz zu weiteren Währungsturbulenzen und zu einer veritablen Wirtschaftskrise führen.

Die EU wird weiter bestehen und sie wird auch in der nächsten Generation der wichtigste Handels- und Sicherheitspartner der Schweiz sein. Wir sind der drittwichtigste Handelspartner der EU und sie ist der wichtigste für uns. Um diese Beziehung auch künftig zu unserem Vorteil nutzen zu können, dürfen wir uns nicht einigeln, sondern müssen unsere Interessen gegenüber der EU selbstbewusst vertreten. Die neue EU wird für unsere Diplomaten ein noch schwierigerer Verhandlungspartner sein, weil sie ein neues Selbstbewusstsein gefunden hat. So wird man uns zwar einen zweiten Anlauf für die Korrektur unseres international verpönten Holding-Steuerrechtes zugestehen, aber keinen dritten. Und man wird keine Abkommen, wie beispielsweise ein dringend benötigtes Stromabkommen, mit uns unterzeichnen, wenn wir die Frage des institutionellen Rahmenabkommens nicht endlich klären.

Vor diesem Hintergrund sollten wir unser Verhältnis zur EU endlich wieder aktiv gestalten, anstatt uns von den ewig gestrigen Untergangspredigern unseres rechten politischen Spektrums vor sich her treiben zu lassen. Bundesrat, Bundesversammlung und Kantone müssen einen klaren Plan entwerfen, wie unser Verhältnis zur EU inhaltlich und institutionell aussehen soll. Wenn wir wissen, was wir wollen, dann werden wir das auch erreichen. Wenn wir nicht wissen, was wir wollen, weil wir uns aus innenpolitischen Überlegungen nicht getrauen, einen Willen zu formulieren, dann stellen wir uns ohne Not selbst ins Abseits und schaden unserem Land.